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Klippenspringen: Riskantes Spektakel am Abgrund

Super-Akrobaten oder Adrenalin-Junkies? Wie Klippenspringer ihre Grenzen austesten.

Hoch, gefährlich, spektakulär: Die Red Bull Cliff Diving World Series startete in ihre neunte Saison. Erste von sechs Stationen rund um den Globus: Inis Mór, Irland. Die kleine Insel im rauen Atlantik gilt wegen der wechselnden Wetterverhältnisse als eines der schwierigsten Sprung-Areale weltweit. Zusätzlicher Kick: Die Männer stürzen aus 27 Metern (Frauen aus 21 Metern) Höhe in ein natürlich geformtes, rechteckiges Wasserbecken. Das „Wurmloch“ ist nur zehn Meter breit und 25 Meter lang. Aus Sicht der Klippenspringer ein Schuhkarton.

„Wenn man bei diesen Bedingungen da oben steht, ist das ganze Training auf einmal nichts mehr wert“, sagte Gary Hunt. Der Brite geht als Top-Favorit in die Saison, hat die Welt-Serie schon sechsmal gewonnen. Hunt gilt in der kleinen Szene der Klippenspringer als Draufgänger. Der Engländer tüftelt immer wieder an neuen, extremeren Sprüngen, um sich dauerhaft an der Weltspitze zu behaupten.

Aufprall „wie ein kleiner Autounfall“

Und das in einer der gefährlichsten Sportarten der Welt. Klippenspringen erfordert viel akrobatisches Talent, mentale Stärke und eine gehörige Portion Mut. Vom Absprung bis zum Eintauchen ins Wasser dauert es nur drei Sekunden. Zwischendurch vollführen die Athleten Kunststücke wie Salti, Schrauben und Drehungen. Anders als beim Turmspringen aus kleineren Höhen müssen die Klippenspringer kerzengerade eintauchen. Ein Fehler in der Luft genügt, um sich beim Aufprall schwer zu verletzen. „Dann ist es wie bei einem kleinen Autounfall“, sagte Altmeister Orlando Duque.

Auch Hunt brauchte jahrelanges Training, um sich aus 30 Metern kopfüber in die Tiefe stürzen zu können. „Am Anfang sprang ich aus 18 Metern von einer Leiter ins Schwimmbecken. Später von einem Baugerüst aus 24 Metern Höhe. Meinen ersten richtigen Klippen-Dive hatte ich in Österreich für einen Red-Bull-Wettkampf aus 26 Metern. Ich war damals beinahe schon panisch“, sagte Hunt in einem Interview bei netzathleten.de.

Nach und nach kam der 33-Jährige, der wie viele seiner Konkurrenten als Turmspringer begann, auf den Geschmack. In der World Series feierte er bereits 28 Siege und machte die noch junge Sportart weltweit bekannt. Der Kick, von einem Felsen oder einer Plattform ins Meer zu springen, lässt ihn bis heute nicht los. Hunt: „Der Moment, an dem Du eintauchst, ohne dass es schmerzt. Das ist der große Moment der totalen Erleichterung, ein absolut tolles Gefühl.“

Auch in Irland hatte Hunt die Nase vorn. Bei widrigen Bedingungen (Wind und Temperaturen um die 13 Grad Celsius) spielte der Routinier seine ganze Erfahrung aus und setzte sich knapp vor Landsmann Blake Aldridge durch. „Den ersten Tourstopp zu gewinnen, ist wirklich ein großes Ding für mich. Ich habe ein paar Fehler gemacht, aber die Schwierigkeit meiner Sprünge kam mir zugute. Dadurch habe ich keine wertvollen Punkte verloren“, erklärte der Brite.

Klippensprung auf Mallorca endet tödlich

Die Gefahren des Klippenspringens blenden Stars und Organisatoren öffentlich aus. Unfälle passieren, gehen aber meist glimpflich aus. Vor zwei Jahren prallte Steven LoBue beim Springen im französischen La Rochelle mit dem Kopf gegen die Absprung-Plattform, kam aber mit einer Platzwunde davon. „Es war kein guter Sprung. Ich habe mich aber abgefangen und konnte mich wieder bewegen“, beruhigte der Ami. Auch Routinier Gary Hunt stellte klar: „Natürlich sind die Gefahren groß. Aber ich bin ein großer Anhänger davon, immer positiv zu denken.“

Zumindest die Profis wissen meist, was sie tun. Schlimmer ist, dass Amateure ihnen nacheifern. Immer häufiger gibt es Meldungen, wonach „junge Wilde“ auf eigene Faust von Felsen springen und sich schwere Verletzungen zuziehen. Erst letztes Jahr verunglückte ein deutscher Tourist bei einem Klippensprung auf Mallorca tödlich.

Trotzdem: Cliff Diving ist längst kein Nischen-Event von ein paar Adrenalin-Junkies mehr. Die Extrem-Sportart begeistert Massen. Selbst der Weltschwimmverband (FINA) richtet bereits Wettkämpfe im High Diving aus. Seit 2013 ist Klippenspringen offiziell eine Disziplin der Schwimm-Weltmeisterschaften, könnte sogar bald olympisch werden. Zusätzlich richtet der Verband einmal pro Jahr einen Weltcup aus. Den letzten in Abu Dhabi gewann erneut Gary Hunt. Damit ist der Brite auch bei der WM, die ab 14. Juli im ungarischen Budapest startet, der Top-Favorit. Hunt: „Alle wollen mich einholen, aber ich bin sehr flink! Das werde ich auch weiterhin sein!"

Die Red Bull Cliff Diving World Series geht am 9. Juli an den Klippen der portugiesischen Azoren-Insel São Miguel in die nächste Runde. Weitere Stationen sind Italien (Adria), USA (Possum Kingdom See/Texas), Bosnien-Herzegowina (Brücke von Mostar) und Chile (Wasserfälle von Rininahue). Alles spektakuläre Locations, bei denen waghalsige Sprünge zu sehen sein werden.