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Der Herr der Eckbälle

+++ Er schaffte ein Kunststück, das wohl für immer einzigartig in den Geschichtsbüchern bleiben wird. +++

Bernd Nickel (links im Bild) absolvierte in der Bundesliga von 1968 bis 1983 für Eintracht Frankfurt 426 Spiele und erzielte dabei 141 Tore. Kein anderer Mittelfeldspieler in der Bundesliga traf häufiger. Nickel gewann mit der Eintracht in den Jahren 1974, 1975 und 1981 den DFB-Pokal und 1980 den UEFA-Pokal. Seine Erfolge in allen Ehren, aber er bleibt hauptsächlich wegen einer magischen Kunst im Gedächtnis aller Fußball-Fans:

Der Kunstschütze der Eintracht traf im Waldstadion direkt per Eckball - von allen vier Ecken des Spielfeldes aus. Und das nicht etwa durch Zufall sondern mit purer Absicht. Nickel hat sich die spezielle Schusstechnik von klein auf erarbeitet. Und die Ecken von links hat er immer mit Vollspann geschossen oder dem linken Außenrist, die Ecken von rechts mit Gefühl und dem Innenrist.

„Solche Ecken mit Vollspann, das traut sich ja heute kaum noch einer. Denn es ist ein gewisses Risiko dabei, dass der Ball vorher ins Aus geht oder ans Außennetz. Ist mir auch oft genug passiert. Aber solches Risiko kannst du nur gehen, wenn du schon eine gewisse Stellung in der Mannschaft hast, so dass die Mitspieler nicht gleich meckern, wenn es mal schiefgeht. Aber so ein Ball geht halt auch mal rein, wie damals gegen Sepp Maier.“ Gegen einen der besten deutschen Keeper aller Zeiten traf er sensationell beim 6:0 gegen den FC Bayern München am 22. November 1975.

Nummer 2 musste dann etwas fünf Jahre warten. Am 19.April 1980 traf Nickel zum 1:0 bei der 3:5-Niederlage gegen den 1. FC Kaiserslautern:

Gegen Werder Bremen dann der dritte Streich beim 9:2 am 14. November 1981:

„Und dann noch einmal gegen Fortuna Düsseldorf beim 4:0 am 15. Mai 1982: da wollte ich den Charly Körbel anspielen, damit er mit dem Kopf verlängert. Doch der Ball ist von selbst reingegangen.“

Nickel war für seinen strammen Schuss bekannt. „Ich habe ja 141 Tore erzielt in der Bundesliga. Diese Schussstärke war mein Trumpf. Und ich habe das Eckenschießen geübt. Bei jedem Abschlusstraining habe ich mindestens 30 Ecken geschossen, alle von der linken Seite, alle Vollspann. Ich habe das geübt, anders geht es ja nicht. Auch jeder Skifahrer oder Klavierspieler muss üben.“

Besonders schwierig war es im Waldstadion mit der alten Aschenbahn. „Beim Anlauf musstest du immer noch einen Zwischenschritt machen wegen der Kante, und dann hattest du vielleicht nur noch einen Meter für den Anlauf und um auszuholen. Das war nicht so einfach. Heute ist alles ebenerdig. Die Plätze sind besser, man muss nicht auf Schnee spielen.“

Ein Makel bleibt aller dennoch. Auch, wenn er von allen vier Ecken im Waldstadion traf, gelang ihm dieses Kunststück nie auf fremdem Platz. Nickel erinnert sich noch an ein Spiel beim FC Schalke 04, bei dem er kurz davor stand. „Es gab Eckball, ich gehe hin, schlage ihn rein, Vollspann natürlich. Vorne stand auf Schalker Seite Branko Oblak. Die erste Ecke, er köpft sie raus. Die zweite Ecke, wieder köpft er sie, die dritte Ecke, erneut treffe ich den Oblak. Da hat er mit den Vogel gezeigt. Ich habe dann zu dem Fotografen gesagt: "Ich schieße jetzt bis Viertel nach fünf." Aber beim vierten Mal kam Oblak nicht mehr dran, dafür unser Bernd Hölzenbein - und der hat ihn reingemacht.“

Ein Präzedenzfall

Im Juni 1924 änderten die Regelhüter des International Football Association Board (IFAB) den Artikel elf der Fußball-Spielregeln und erlaubten damit erstmalig, aus einem Eckstoß direkt ein Tor erzielen zu können. Als daraufhin ein Sportjournalist aus Liverpool namens Ernest Edwards die entsprechende Mitteilung las, fiel ihm eine Ungenauigkeit in der neuen Regel auf, die er sogleich mit den damaligen Klubverantwortlichen des FC Everton diskutierte: "Es steht nichts davon drin, dass es verboten ist, den Ball zu nehmen, loszudribbeln und ein Tor zu erzielen, anstatt zu schießen. Warum versuchen wir es nicht und sehen, was passiert?"

Gesagt,getan: doch dieser Versuch führte nicht nur zu einer ungläubigen Miene beim Unparteiischen, sie hatte auch eine eilig zusammengerufene Sondersitzung des IFAB zur Folge, der Anfang August den besagten Artikel modifizierte. Somit gebührt das Verdienst des ersten offiziellen direkt verwandelten Eckballs Billy Alston, der später im August 1924 in der zweiten schottischen Liga auf diese Weise einen regulären Treffer erzielte.

Warum ein Eckentor ''Gol Olímpico'' genannt wird

Im Jahr 1924 absolvierten Argentinien und Uruguay, der frischgebackenen Goldmedaillengewinner des Olympischen Fußballturniers 1924 in Paris, zwei Freundschaftsspiele gegeneinander. Beim Rückspiel am 2. Oktober schlug der argentinische Stürmer Cesáreo Onzari in der 15. Minute einen Eckstoß mit so viel Effet, dass sich die Kugel zum Leidwesen des uruguayischen Schlussmannes Antonio Mazzali um den ersten Pfosten drehte und im Tor einschlug. Für die südamerikanische Sportpresse war dieser Geniestreich gegen den amtierenden Olympiasieger von nun an das erste Gol Olímpico der Geschichte.

Auch wenn es seitdem jede Menge Spezialisten gab, hat doch keiner das geschafft, was Bernd Nickel erreichte. Vier Eckentore aus allen vier Ecken des Frankfurter Waldstadions. Ein einmaliges Kunststück.