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Eine Mischung aus Football und Völkerball wird der neue Trendsport

Hogwarts magische Volkssportart Quidditch erobert unsere Muggel-Welt

Kopf an Kopf verfolgen Harry Potter und der Slytherin-Sucher den goldenen Schnatz. Harte Tacklings und gnadenlose Klatscher machen Harry die Verfolgungsjagd auf dem Besen nicht gerade leichter – Quidditch ist eben nichts für schwache Nerven! Der jüngste Hausspieler seit einem Jahrhundert muss sich als Sucher beweisen und den kleinen, quirligen Schnatz fangen. Mit atemberaubenden Flugmanövern auf seinem Nimbus 2000 schüttelt Potter seinen Verfolger ab und kann dank eines etwas unkonventionellen Fangversuchs den goldenen Schnatz nach einem Sturz ausspucken. Spiel, Satz und Sieg für Gryffindor! – wer erinnert sich nicht an das erste Spiel von Potter und überhaupt an Quidditch? Der magische Volkssport aus der von Schriftstellerin Joanne K. Rowling geschaffenen Welt begeistert nicht nur Hogwarts Hexen und Magier, sondern auch jeden Muggel (Nichtmagier) vor den Büchern und Leinwänden. Und das Tollste: Wir müssen nicht länger nur Zuschauer sein, sondern können uns selbst auf den Besen schwingen!

Man nehme: Mülltonnen, Handtücher, Wischmopp oder Stehlampe

''Man kann das Spiel schlecht erklären. Man muss es sehen, um es zu glauben.'' – Alex Benepe

Es war im Herbst 2005, ein ganz normaler Sonntag am Middlebury College in Vermont: Die beiden Erstsemester Alex Benepe und Alexander Manschell spielten fast wie jedes Wochenende leicht verkatert, aber immerhin an der frischen Luft, Boccia auf der Campus-Wiese. Doch diesmal erweckte die Kombination aus Hangover, Langeweile und viel Fantasie in Alexanders Kopf einen Sport zum Leben, der bis dato nur in einer fiktiven Welt voller Magier, Hexen und fliegenden Besen Wirklichkeit war – Quidditch. „Ich war sehr skeptisch: Wie sollte das funktionieren? Mit Besen?“, reagierte Benepe auf die fixe Idee seines Kommilitonen, „aber es hat von Anfang an Spaß gemacht!“ Mülltonnen dienten provisorisch als Torringe, die Studenten schwangen sich Handtücher als Capes über die Schultern und der Wischmopp der Wohngemeinschaft oder gar die alte Stehlampe von Oma mussten als Besenattrappen herhalten. Das bunt-bizarre Treiben verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den Studenten und fand gerade wegen seines ungemeinen Spaßfaktors viele leidenschaftliche Anhänger – Muggel-Quidditch war geboren, „auch wenn uns einige zunächst für völlig verrückt hielten“, erinnert sich Alex.

Heute – elf Jahre später – ist der Nischensport schon lange aus den Kinderschuhen rausgewachsen und hat sich rasend schnell zum Trendsport der etwas anderen Art gemausert. Auf allen sieben Kontinenten ist Muggel-Quidditch mittlerweile angekommen. Der verrückte Besensport von Harry Potter & Co. wird von mehr als 300 Teams in mehr als 20 verschiedenen Ländern betrieben. Tendenz steigend! Eine Entwicklung, von der es sich leben lässt: Als Verbandschef der International Quidditch Association (IQA) verdient Alex Benepe seinen Lebensunterhalt mit der Vermarktung des Sports und dem Verkauf von Merchandise. Was der besondere Reiz bei Quidditch ist, liegt für Alex klar auf der Hand: „In vielen Sportarten gibt es zu viele übermäßig ernsthafte Leute, was abschreckend für Neulinge ist. Quidditch lockt eine Gruppe von wirklich freundlichen, aufgeschlossenen Menschen, die lediglich ernsthaft daran interessiert sind, Spaß zu haben. Es können intensive, harte Wettbewerbe sein, aber am Ende des Tages sind alle wegen des Reizes, der Freundschaft und dem Spaß dort.“

Auf die Besen, fertig, los!

Wie in den Büchern von Joanne K. Rowling ist auch das reale Quidditch eine Vollkontaktsportart, bei der es hart zur Sache gehen kann. Überhaupt haben sich die beiden Erfinder stark an das magische Original von Hogwarts gehalten: Zwei Teams mit jeweils sieben Spieler treten gegeneinander an. Jede Mannschaft besteht aus einem Hüter, der die Torringe verteidigt, drei Jägern, die sich den Quaffel (einen Volleyball) zuspielen und versuchen, durch die gegnerischen Ringe zu werfen und so zehn Punkt zu erzielen. Die zwei Treiber wollen dagegen die gegnerischen Jäger dabei aufhalten, indem sie sie mit Klatschern (Völkerbälle) abwerfen und so kurze Zeit aus dem Spiel nehmen. Natürlich gibt es auch das Pendant zu Harry Potter in jeder Mannschaft: den Sucher, der den goldenen Schnatz fangen soll. Schon andere vor Alex Benepe wollten Quidditch zum realen Leben erwecken, doch meist war hier der goldene Schnatz nur ein Tennisball, der ins Spiel geworfen wurde. Alex und sein Kommilitone haben sich für dieses essentielle Element des Spiels eine ganz pfiffige Lösung ausgedacht: „In unserer Version des Spiels gibt es einen komplett in gelb gekleideten Crossläufer, dem ein Tennisball in einer Socke hinten vom Hosenbund hängt. Er darf alles tun und versuchen, damit die Sucher den Ball nicht bekommen. Dieser menschliche Schnatz gibt dem Spiel Persönlichkeit und Chaos. Die Leute flippen geradezu aus, wenn der Schnatz bei einem Weltmeisterschaftsspiel auf das Feld kommt“, erklärt Alex Benepe.

''Wir hatten in Middlebury das Glück, einen Freund zu haben, der gleichzeitig Langstreckenläufer und Ringer war. Er hatte eine tolle Kondition, konnte sich wehren, machte Flickflacks und Salti – der perfekte Schnatz.'' – Alex Benepe

Am allerwichtigsten ist natürlich der Besen. Ob Wischmopp, Besenstiel, PVC-Rohr oder Swiffer-Stab, letztlich kann man sich alles als Wettkampf-Besen beim Quidditch zwischen die Beine klemmen. Der Nimbus 2000 unter den Muggel-Besen ist der „Phantom Seeker“, den eine US-amerikanische Firma für 35 Dollar herstellt. In die Feuerblitz-Kategorie gehört das Premiummodell „Sienne Storm“ für stolze 79 Dollar.

Auch wenn das Besen-Spiel Außenstehende mitunter eher an bizarres Improvisationstheater erinnert, ist Quidditch nur etwas für wirklich Hartgesottene. Der Mix aus Handball, Völkerball und Rugby führt zu hochdramatischen Spielszenen auf dem Feld – wie wir es aus den Geschichten von Harry Potter & Co. gewöhnt sind. Auch wenn die Spieler nicht in Hunderte Meter Tiefe stürzen, ist in der Realität das Verletzungsrisiko nicht weniger gering: blutende Nasen, Brüche, Prellungen, blaue Flecken und am meisten vertreten – der Besen-Bruch. Kein Wunder also, dass das Reglement mindestens Schienbeinschoner und Mundschutz empfiehlt. Gerade die Tackling-Attacken sind mit Besen zwischen den Beinen risikohaft und dabei ist im Übrigen auch egal, ob Mann oder Frau vor einem steht. Denn Quidditch ist wie bei der literarischen Vorlage ein Mixsport: „Es gibt die Regel, dass drei Spieler eines jeden Teams auf dem Feld ein anderes Geschlecht haben müssen als die anderen vier“, so Benepe.

''Ich denke, Quidditch hat das Potential, in jeder Gesellschaft der Welt anzukommen.'' – Alex Benepe

„Quove“ auf den ersten Blick in Deutschland

Die Liebe zum Quidditch – kurz „Quove“ – ist seit einigen Jahren auch in der Bundesrepublik angekommen. Acht offizielle deutsche Quidditch-Mannschaften gibt es schon, weitere zwölf sind im Aufbau. Erst im Januar haben sich die Rheinos Bonn gegen Quidditch Darmstadt durchgesetzt und sich nicht nur den goldenen Schnatz, sondern damit auch die Deutsche Meisterschaft geschnappt. Oft entstehen neue Mannschaften durch ehemalige Austauschstudenten, die bei der Rückkehr ihre Auslands-Quidditch-Erfahrung mit Kommilitonen am heimischen Campus teilen wollen. So war es auch bei Nina Heise: Die 24-Jährige lernte Quidditch vor einigen Jahren während ihres Studiums in Southhampton kennen. Heute ist sie Präsidentin des Deutschen Quidditch-Bundes und will die exotische Sportart trotz aller Hürden hier anschieben:

''Zugegeben, es sieht schon ein bisschen lächerlich aus, man muss sich überwinden können. Viele machen sich auch lustig über uns, das ist oft frustrierend.'' – Nina Heise

Ein großer und gleichzeitig besonderer Schritt in Richtung salonfähiger Quidditch-Sport steht im Juli an: die Weltmeisterschaft im eigenen Land. „Wir hoffen, dass es hilft, die Sportart populär zu machen“, sagt Nina. Noch vor zwei Jahren in Kanada wurde das Weltmeisterschaftsturnier mit sieben Nationen ausgetragen. Jetzt hat sich Deutschland gegen Bewerbungen aus Asien und Südamerika durchgesetzt und darf am 23. und 24. Juli in Frankfurt am Main mindestens 25 Nationalmannschaften willkommen heißen, die um die Quidditch-WM-Trophäe kämpfen wollen. „Wir freuen uns darauf, die Welt in das Herz der deutschen Quidditch-Szene einzuladen“, sagt Lisa, die Leiterin des Organisationskomitees, voller Vorfreude.

Ganz klarer Favorit ist übrigens der amtierende Doppel-Weltmeister aus den USA. Die deutsche Nationalmannschaft, kurz „DQB21“, startet fast noch jungfräulich in dieses internationale Turnier. Ihren ersten Auftritt hatte die „DQB21“ bei den European Quidditch Games 2015 im italienischen Sarteano und konnte dort mit einem Achtungserfolg ins Viertelfinale einziehen. Jetzt werden alle Kräfte unter Trainer Jonas Zinn für die WM mobilisiert. Bekanntermaßen beflügelt ja so eine Weltmeisterschaft im eigenen Land enorm und das wäre ja gerade beim Quidditch nicht gerade von Nachteil.

''In den besten Momenten des Spiels sieht es wirklich so aus, als könnten die Spieler fliegen.'' – Andreas Archut