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Fußballerischer Menschenhandel

+++ Das Verkaufen minderjähriger Fußballer auf die andere Seite der Welt +++

König Fußball, ein Milliardengeschäft – Spieler, Trainer, aber auch Berater machen in Europa und vereinzelten anderen Ländern der Welt das große Geld. Klar, dass man als Vermittler in armen Ländern durchaus seinen Teil vom Kuchen abhaben will. So gibt es immer mehr Berater, Scouts und Trainer, die auf dubiose Art und Weise ihre Machenschaften auf dem Rücken der Träume austragen. So wie in Liberia, einem der ärmsten Länder der Welt. Junge, talentierte Teenager träumen von der großen Karriere in Europa. Viele sehen es als einzigen Ausweg aus den ärmlichen Verhältnissen und sind oft der Stolz einer ganzen Familie, die von diesen Geldmengen aus dem sozial angespannten Umfeld entfliehen könnten. „Es ist die tragische Geschichte junger Spieler aus einem Land, das sich in einer Krise befindet. Einem Land, in dem die Zukunft alles andere als vielversprechend ist." So beschreibt Anthony Baffoe, (selber früher Profikicker beim 1.FC Köln und Fortuna Düsseldorf) Generalsekretär der ghanaischen Fußballergewerkschaft, die Situation um die gestrandeten 21 liberischen Fußballspieler. 15 von ihnen sind minderjährig.

Menschenhandel von (Möchtegern-) Fußball-Offiziellen

Dreh- und Angelpunkt dieses Dramas ist ein afrikanischer Mittelsmann, der mit Kinderträumen skrupellos spielt und die jungen Spieler wie Vieh verhökert. Was zurück bleibt, sind oft verzweifelte Kids, die einem aus der Not geborenen Traum hinterherlaufen und nun sogar um ihre Freiheit kämpfen müssen.

Alex Karmo ist einer dieser Mittelsmänner. Mit seinen 28 Jahren ist der aktuelle Nationalspieler Liberias selbst noch im besten Fußballalter. Neben Karmos Engagement bei dem laotischen Erstligaverein SHB Champasak United steht auf seiner persönlichen Agenda auch das Vermitteln junger Spieler aus Liberia nach Laos.

Alles begann im Dezember 2014. Karmo gründete die Idsea-Akademie. Ein Fußballleistungszentrum seines Vereins. Die Akademie schreibt sich selbst auf die Fahne, „die großen Stars von morgen" auszubilden. Zudem würden sie der Türöffner für Probetrainings bei Top-Vereinen in Afrika, Asien, Australien, Europa und Amerika sein. Als ambitionierter junger Fußballer aus unterprivilegierten Verhältnissen, wäre das der Lebenstraum. Mit diesen Versprechen köderte er 25 Spieler, die sich auf das große Abenteuer in dem fernen Land einlassen wollten, wohl ohne zu wissen, wo Laos überhaupt liegt und was sie dort wirklich erwartet.

Alex Karmo versprach einen Beitrittsbonus von 1000 US Dollar, ein Laptop und eine Schulausbildung, sowie 25 Dollar pro absolvierter Trainingseinheit. Auch die 550 Dollar, die für den gesamten Trip pro Kopf veranschlagt wurden, würden erstattet werden. Für die zum Großteil armen Familien der jungen Spieler ein interessantes Angebot. Deswegen nahmen viele von ihnen auch Kredite auf, um das Geld für die Teilnahme vorstrecken zu können. Der Traum der Armut zu entfliehen, war einfach zu groß.

6-Jahres-Verträge und 30-Mann-Zimmer

„Es war schrecklich. Man kann doch nicht 30 Leute in einem Raum schlafen lassen", erzählt Kesselly Kamara der BBC. Kesselly ist 14 Jahre und eines der Opfer von Alex Karmos Masche gewesen. Auch er kam mit großen Hoffnungen, Träumen von einer Karriere als Fußballprofi. Doch was er in Laos vorfand, war genau das Gegenteil, was er erwartet hatte. Das einzig Positive: ein Vertrag, wenn auch über sechs Jahre und ein reguläres Einkommen. Doch dann ging es schon mit den Ungereimtheiten los. Versprechungen im Vertrag, die aber nie eingehalten wurden, wie er sagt. Im Gegenteil. Was er und die restlichen liberischen Spieler bekamen, war eine Unterkunft in einem Haus ohne verschließbare Fenster und Türen. Teilweise wurde sogar auf dem Boden des Stadions geschlafen. Zwar bekam er nach kurzer Zeit die Chance für das Profi-Team aufzulaufen, dabei schoss er sogar ein Tor in einem regulären Ligaspiel, doch die Bedingungen hinter den Kulissen waren erschreckend.

Der liberische Journalist Wleh Bedell begleitete Anfang des Jahres die Gruppe um den 14-jährigen Kesselly Kamara nach Laos. „Idsea ist eine frei erfundene Fußball-Akademie. Sie haben weder einen richtigen Trainer noch einen Doktor." Das operative Geschäft, sei es auf dem Fußballplatz oder in Hinsicht auf die Verträge mit den Spielern laufe über Alex Karmo. „Es ist absolut bizarr", so Bedell. Von Vereinsseite hieß es, sie würden keine professionellen Verträge mit Minderjährigen abschließen. Sie bekämen lediglich einen Vertrag, der ihnen Bonuszahlungen zusichere. Doch selbst nach Ablauf dieser Verträge seien die Pässe nicht zurückgegeben worden, sodass die Spieler weiterhin nur im Stadion wohnen und arbeiten. Ohne die Pässe kommen sie außerhalb des Stadions nicht weit. Dadurch ist die Freiheit der Minderjährigen massiv eingeschränkt, denn sie bewegen sich im Prinzip illegal in Laos.

Menschenhandel mit jungen westafrikanischen Fußballern boomt

Die weltweite Spielervereinigung FIFPro setzte sich nach den Enthüllungen für die 21 gestrandeten liberischen Spieler ein. Stéphane Burchkalter, afrikanischer Generalsekretär der Organisation bezeichnete die Situation als „schockierend". Die FIFPro vermutet, dass das kein Einzelfall sei und bezeichnete das Drama um den laotischen Verein SHB Champasak United und seine Idsea-Akademie als „die Spitze des Eisbergs". Laut einer Schätzung der NGO Culture Foot Solidaire werden pro Jahr bis zu 15.000 junge Fußballer aus Westafrika an Vereine im Ausland verschachert und ein Großteil dieser „Transfers“ sind illegale Machenschaften mit Minderjährigen. Der Menschenhandel mit jungen westafrikanischen Fußballern boomt.

Dank der Bemühungen von FIFPro wurden im April diesen Jahres 16 der 21 Spieler aus den Fängen des laotischen Vereins befreit. Statt mit Illegalität müssen die jungen Talente und ihre Familien nun mit den anfangs aufgenommenen Krediten kämpfen. Das war für Viele der Grund, dass sie ihre Kinder nicht aus Ghana nach Liberia schicken konnten. Es fehlte schlichtweg das Geld.

„In den Augen der FIFPro ist SHB Champasak United und seine sogenannte Akademie ein klarer Fall von Kinderhandel. Sie treten an junge afrikanische Spieler heran und ködern sie mit Geschichten über eine goldene Zukunft. In der Realität wird aber nicht annähernd etwas für eine positive Entwicklung der Spieler getan. Kein vernünftiges Training, keine schulische Ausbildung", erklärt Anthony Baffoe. Mit seiner frei erfundenen Fußballakademie spielt Alex Karmo skrupellos mit den Träumen junger afrikanischer Fußballer. Was ihnen bleibt, ist pure Enttäuschung und der Verlust ihrer Freiheit. Nach Angaben des liberischen Fußballverbandes wurde Alex Karmo am 17. Juli offiziell als Leiter der Idsea-Akademie entlassen. Angeblich wegen einer Auseinandersetzung mit dem Präsidenten des Vereins.