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Rent a Torwart

In Brasilien kann man sich Torhüter für Freizeitkicks mieten - und der Job hat Konjunktur.

„Stein schleift Schere! Du musst ins Tor.“ Ein Szenario wie es auf Brasiliens Fußballplätzen, Straßen, am Strand oder wo man sonst noch gegen das runde Leder treten kann, oft genug vorkommt. Die Kids wollen ihren Idolen nacheifern, aber ins Tor geht keiner – zumindest nicht freiwillig. Sie wollen so sein wie Neymar, Ronaldinho oder Ronaldo, Spieler die das gewisse etwas haben, "Ginga" wie sie es in Brasilien nennen. Ein Begriff der eigentlich im brasilianischen Kampftanz Capoeira zu Hause ist, was verdeutlicht wie sehr die Brasilianer von eleganten Bewegungen angetan sind. Bewegungen, die man von Torhütern eher selten sehen wird.

Vielleicht ist das auch ein Grund, warum sich die Kinder eher an Offensivakteuren orientieren, dass und die überschaubare Auswahl an Weltklasse Torhütern. Spanien hat Iker Casillas, Italien hat Gianluigi Buffon, Deutschland hat Manuel Neuer, Oliver Kahn und Sepp Maier um nur einige zu nennen und sogar England, das Land mit dem chronischen Torwartproblem, hat mit Gordon Banks einen der besten Torhüter aller Zeiten in ihren Geschichtsbüchern.

Fragt man in Brasilien nach dem berühmtesten Torwart dann hört man als Antwort meist Moacyr Barbosa. Was ihn unsterblich machte waren aber nicht seine überragenden Leistungen auf der Linie sondern ein vermeintlicher Fehler im WM-Finale 1950, der die überraschende Niederlage gegen Uruguay besiegelt haben soll. Ausgerechnet im heimischen Maracanã-Stadion, vor über 170.00 Zuschauern.

Führt man sich das vor Augen, dann wird eines klar: Brasilien hat ein Torwartproblem. Genau das hat sich eine Gruppe von Arbeitslosen zum Vorteil gemacht. Nahezu jeder berufstätige Brasilianer spielt in einer privat organisierten Liga, Pelada genannt. Gespielt wird überall und zu jeder Zeit, oberstes Gebot ist „Joga Bonito“, was auf Deutsch so viel heißt wie „spiel schön“. Aber auch hier braucht man jemanden der die Tore verhindert. Darum boten sie an sich gegen Geld ins Tor zu stellen und befriedigten damit eine sehr hohe Nachfrage, bei sehr geringem Angebot.

Aus diesem, aus der Not entstandenen, Nebenverdienst, hat sich ein richtiger Job entwickelt, der für viele die einzige Einkommensquelle darstellt, was sie genau genommen zu Fußballprofis macht. Sie spielen zwei bis drei "Peladas", um sich über Wasser zu halten. Von besonders ehrgeizigen Mannschaften werden sie teilweise sogar fürs Training gebucht. Pro Spiel bekommt ein Torwart 40 Reais, umgerechnet etwas mehr als 10 Euro. Gutes Geld wenn man Bedenkt, dass der monatliche Mindestlohn in Brasilien nur ca. 220 Euro beträgt.

Abgesehen von dem Geld ist das Wichtigste wohl, dass sich der Beruf in Zeiten der Rezession als krisenfest erwiesen hat und man in Zukunft davon ausgehen kann, dass die Nachfrage an Miet-Torhütern nicht abnehmen wird, ganz im Gegenteil: sie wird wohl eher noch steigen. Denn ganz ehrlich, wer geht denn schon freiwillig ins Tor.