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Schnelle Gina auf der Überholspur

Gina Lückenkemper steigt zur größten deutschen Sprint-Hoffnung der letzten 25 Jahre auf.

Sie ist jung, hübsch und verdammt schnell! Gina Lückenkemper wurde Anfang Juli in Erfurt erstmals Deutsche Meisterin über 100 Meter. Trotz eines verpatzten Starts setzte sich die Sprinterin im Finale der Titelkämpfe klar gegen die gesamte deutsche Konkurrenz durch. „Ich bin irgendwie aus dem Block rausgefallen und habe die Kontrolle verloren. Aber ich bin stolz, dass ich dann noch so gut ins Rennen reingefunden habe“, sagte Lückenkemper.

Erstaunlich für eine erst 20-Jährige, die schon im Halbfinale die Experten verblüffte. Da rannte die Athletin von der LG Olympia Dortmund in 11,01 Sekunden zur persönlichen Bestleistung. „Es war einfach ein verdammt geiler Lauf – der geilste Lauf in meinem Leben“, sagte Lückenkemper. Mit dieser Zeit ist die Aufsteigerin aktuell zweitschnellste Frau Europas. Reift hier etwa die größte deutsche Sprinthoffnung der letzten 25 Jahre heran?

Marlies Göhr mit Rekord für die Ewigkeit

Ist ziemlich lange her, dass eine deutsche Sprinterin international für Furore sorgte. Die letzte war Katrin Krabbe, die 1991 in Tokio Doppel-Weltmeisterin über 100 und 200 Meter wurde. Später musste die Neubrandenburgerin ihre Laufbahn wegen einer Doping-Sperre beenden. Ihre 100-Meter-Zeit von 10,89 Sekunden ging in die Geschichtsbücher ein. Schneller waren vor ihr nur die DDR-Läuferinnen Silke Gladisch (10,86 sec./1987) und Marita Koch (10,83 sec./1983). Den deutschen Rekord hält bis heute Marlies Göhr. Die Thüringerin, die laut des Forschers Werner Franke ebenfalls Teil des DDR-Dopingsystems war, lief 1983 die 100 Meter in 10,81 sec. – ein Rekord für die Ewigkeit.

Alles Zeiten, von denen heutige Athletinnen nur träumen können. Zuletzt kratzte die Mannheimerin Tatjana Pinto (11,00 sec./2016) an der magischen Zehn-Sekunden-Marke. Auch Rebekka Haase (LV Erzgebirge) ließ dieses Jahr mit 11,06 sec. aufhorchen. Die besten Chancen, als siebte deutsche Frau unter elf Sekunden zu laufen, werden jetzt aber Gina Lückenkemper eingeräumt.

Kein Wunder: Das selbstbewusste Mädchen aus Hamm, das privat gerne schnelle Autos fährt und Hobby-Reiterin ist, machte schon früh auf sich aufmerksam. Mit 16 sagte ihr der Bundestrainer Olympia-Chancen voraus, mit 18 wurde sie U20-Europameisterin. 2016 der vorläufige Höhepunkt: Lückenkemper gewann EM-Bronze und erreichte bei den Olympischen Spielen in Rio über 200 Meter das Halbfinale.

„Gehirn kurz vor der Kernschmelze“

In diesem Jahr erhielt die Studentin der Wirtschaftspsychologie mehr Gegenwind. Wegen der WM-Saison konnte Lückenkemper weniger trainieren, nahm dafür an mehr Wettkämpfen teil. Die ungewohnte Belastung und die vielen Reisen gingen nicht spurlos an Körper und Geist vorbei. „Mein Gehirn stand kurz vor der Kernschmelze, denn durch meine Starts in der Diamond League war ich sehr viel unterwegs. Das war für mich sehr ungewohnt“, sagte die schnelle Gina.

In Erfurt reiste Lückenkemper mit Schmerzen am Fuß an, verzichtete deswegen sogar auf einen Start über ihre Parade-Strecke, die 200 Meter. Zuvor düpierte sie über die halbe Distanz die Konkurrenz und stellte ganz nebenbei eine Fabelzeit auf. „Damit habe ich selbst nicht gerechnet, erst recht nicht im Vorlauf. Dass es direkt so schnell wird, hatten ich und mein Coach Uli Kunst nicht so geplant“, sagte Lückenkemper bei sport.de

Anfang August, bei der WM in London, kann das Ausnahme-Talent den nächsten Schritt gehen. Vorläufiges Ziel ist der Einzug in den Halbfinal-Lauf. Vielleicht steht ja dann bei der deutschen Sprint-Hoffnung schon die Zehn vor dem Komma. Lückenkemper: „Das wäre die Schallmauer. Irgendwann möchte ich eine von den Frauen sein, die unter elf Sekunden gelaufen sind. Und ich bin auf einem guten Weg dahin.“