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Wächst in Berlin der nächste Retorten-Klub heran?

Wie der FC Viktoria 1889 dank Millionen eines chinesischen Investors nach ganz oben will.

Noch klingt es wie eine kühne Vision. Doch schon bald könnte in Deutschland der nächste Fußball-Klub dank Großinvestor Richtung Bundesliga und Champions League stürmen. Nach der TSG Hoffenheim (mit Mäzen Dietmar Hopp) und RB Leipzig (von Dosen-Milliardär Dietrich Mateschitz) soll künftig auch Viertligist Viktoria Berlin im Konzert der Großen mitmischen.

Vorgänger-Klub war dreimal Deutscher Meister

Möglich machen will den steilen Aufstieg ein chinesischer Geldgeber. Alex Zheng ist Vorsitzender der Advantage Sports Union Ltd. (kurz ASU), einem weltweit agierenden Sportvermarkter. Der hält unter anderem Mehrheiten am französischen Erstligisten OGC Nizza und Phoenix Rising FC aus der amerikanischen MLS. „Ich freue mich, ein Viktorianer zu werden“, sagte Zheng nach der Bekanntgabe der Kooperation mit Viktoria.

Bislang dümpelte der Klub aus dem Stadtteil Lichterfelde in der 4. Liga herum. In der ablaufenden Saison belegte die 1. Mannschaft in der Regionalliga Nordost Platz 13. Zuletzt kündigte der Verein, der mit 70 Nachwuchs-Teams über eine der größten Fußball-Abteilungen Deutschlands verfügt, an, finanziell kürzer treten zu müssen. Da kam für die Himmelblauen das Angebot aus Fernost ebenso gelegen wie überraschend. „Wir waren uns nicht sicher, ob sich da jemand einen Scherz erlaubt“, sagte Geschäftsführer Felix Sommer bei 11 Freunde. Die Marktanalyse der ASU hätte jedoch ergeben, dass der Verein, dessen Vorgängerklub BFC Viktoria 1884, 1908 und 1911 Deutscher Meister wurde, in Deutschland ideal für die Pläne des Unternehmens sei.

90 Millionen in 10 Jahren?

Und der Großinvestor fackelte nicht lange. Beim Heimspiel gegen Cottbus schaute Alex Zheng mit einer Delegation persönlich vorbei. Eilig wurde eine Kooperation und die Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung in eine Kapitalgesellschaft bis Ende Juni beschlossen. Mit dieser kann die ASU Anteile an Viktoria erwerben und so „die Wettbewerbsfähigkeit des Vereins und die Verfolgung höherer sportlicher Ziele ermöglichen“, teilte der Verein auf seiner Homepage mit. Die Zusammenarbeit seit laut BILD auf zehn Jahre und einer Investitionssumme von 90 Millionen Euro ausgelegt. Naheliegend, dass Viktoria mit dem Kapital über kurz oder lang in die Bundesliga vorstoßen will.

Dass es Zheng, der mit der Gründung von Chinas größter Hotelgruppe Milliarden machte, ernst meint, stellte er schon in Nizza unter Beweis. Beim Ex-Klub vom neuen Dortmund-Trainer Lucien Favre hält der Investor 80 Prozent und pumpte seit 2016 Millionen hinein. Mit mäßigem Erfolg. Diese Saison wurde OGC Nizza in der 1. Liga nur Achter und schied in der Europa League schon in der Zwischenrunde aus.

Davon ist man in Berlin noch weit entfernt. Allein die Spielstätte in Lichterfelde fasst nur 4300 Zuschauer und würde nicht mal die Anforderungen für die 3. Liga erfüllen. Ein Umzug in den größeren Jahnsportpark wäre mit etlichen Hürden verbunden. Und auch die Tatsache, dass sich Viktoria mit dem Chinesen-Deal in eine Abhängigkeit von einem Großinvestor begibt, wird von vielen kritisch gesehen.

„Wie sollen wir sonst nach oben?“

„Wir sind kein Retorten-Verein mit Klatschpappenpublikum. Wir feiern nächstes Jahr 130-jähriges Bestehen“, verwies Geschäftsführer Sommer auf Viktorias lange Tradition. Zudem sei es nach zehn Jahren intensiver Suche nicht gelungen, einen deutschen Groß-Sponsoren zu gewinnen. „Es ist doch bezeichnend, dass jetzt ein Mann vom anderen Ende der Welt in Viktoria etwas sieht, was keiner in Deutschland gesehen hat. Außerdem: Wie sollen wir denn sonst nach oben kommen? So zu tun als wären wir der erste Sündenfall, ist heuchlerisch. Wir spielen nur nach den Regeln, die andere vor uns gemacht haben“, wird Sommer bei 11 Freunde zitiert.