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Trevor Bayne – Motorsport und Multiple Sklerose

Youngster mit Autoimmunerkrankung in der höchsten US-Motorsportklasse

Zu Beginn jeden Jahres geht der Blick jedes motorsportinteressierten US-Amerikaners nach Florida. Mit den Daytona 500 steht im Februar der Saisonauftakt auf dem Programm und gleichzeitig auch der Höhepunkt des langen NASCAR-Rennkalenders. Die 500 Meilen auf dem Daytona International Speedway schreiben Jahr um Jahr besondere Geschichten. Das war auch in der Saison 2011 nicht anders, als ein ganz unbeschriebenes Blatt das wichtigste Rennen des Jahres für sich entscheiden konnte.

Vom Nobody zum Daytona-Sieger

Die damals 53. Ausgabe des Great American Race stand ganz im Zeichen des „Tandem-Racing“. Die damals geltende Aerodynamik der schweren V8-Boliden führte dazu, dass man zu zweit schneller als der große Pulk im großen Nudeltopf unterwegs war. Ein Name fühlte sich an diesem Tag besonders wohl im PS-starken Feld. Trevor Bayne, der am Tag zuvor seinen 20. Geburtstag feierte, absolvierte erst seinen zweiten Start in der höchsten NASCAR-Klasse.

Für den kleinen Traditionsrennstall von Wood Brothers Racing ging es für Bayne von weit hinten im Feld in das lange Rennen. Startplatz 32 unterstrich das eigentliche Hauptziel: Ankommen und die Zielflagge sehen. Doch schnell wurde klar: Trevor Bayne und sein Ford Fusion mit der Startnummer #21 fühlten sich wohl auf der ultraschnellen Strecke.

Sukzessive arbeitete sich der junge Pilot nach vorne, bis er kurz vor Schluss das unglaublich schaffte. Er lag an der Spitze des großen Feldes, vor allen Haudegen, von denen jeder immer und unbedingt das große Daytona 500 gewinnen will. Nach der letzten Gelbphase war seine Ausgangslage denkbar schlecht, hat die Konkurrenz doch den Vorteil des Windschattens. Doch Bayne witterte seine Chance, mit etwas Glück und Rennübersicht schrieb er in den nächsten Meilen die Geschichtsbücher um.

Der junge Mann aus Knoxville in Tennessee schaffte die Sensation und kürte sich zum jüngsten Daytona 500-Sieger aller Zeiten. Über Nacht wurde der Nobody im Starterfeld zum Star – der Name Trevor Bayne war in aller Munde.

Multiple Sklerose – der Passagier im Leben des amerikanischen Nachwuchspiloten

In der obersten NASCAR-Klasse stand trotz seines Erfolges 2011 nur ein Teilzeitprogramm an, Bayne war erst auf dem Weg nach oben, daher galt sein Fokus eigentlich der zweiten Liga des NASCAR-Sports, wo er die ganze Saison unterwegs war.

Plötzlich jedoch verschob sich sein Ziel. Für Trevor Bayne begann eine Zeit der Ungewissheit. Gesundheitliche Probleme zwangen ihn zu 5 Rennen Pause. Er litt an Übelkeit, Erschöpfungszuständen, Taubheit im Arm und Sehschwierigkeiten. Sowohl über seinen Gesundheitszustand, als auch über seine Karriere im Motorsport standen plötzlich aus dem Nichts viele Fragezeichen. Mit diesen Symptomen war auf Dauer eins nicht möglich – die Rückkehr ins Renncockpit. So war für ihn persönlich sein märchenhafter historischer Erfolg in Daytona jetzt nur noch Nebensache.

Eine kleine Odyssee in Sachen Ärzte und Untersuchungen begann nun für den Youngster, an dessen Ende man aber schließlich die Ursache der Symptome fand. Trevor Bayne hat Multiple Sklerose. MS ist auch bekannt als Krankheit der 1.000 Gesichter, so unterschiedlich stellt sich das Erkrankungsbild dar. Von Gehschwierigkeiten bis hin zum auf den Rollstuhl angewiesen sein ist bei dieser Erkrankung alles vertreten. Doch bei vielen Menschen fällt die Krankheit auf den ersten Blick überhaupt nicht auf, viele kämpfen mit Symptomen wie Erschöpfung, Sehproblemen und Sensibilitätsstörungen, genau wie der amerikanische Nachwuchsfahrer. Wer jetzt meint, mit der Diagnose sei die Karriere von Bayne beendet, der irrt. Trevor Bayne ist wie viele seiner Motorsportkollegen ein Kämpfer, zunächst war er auch erleichtert, dass man die Ursache seiner Probleme gefunden hatte. Die Erkrankung war ihm zwar bereits bekannt, da seine jüngere Schwester ebenfalls daran leidet, aber trotzdem muss man sich solch einer Diagnose erstmal bewusst werden.

Als Bayne vor die Presse trat, um davon zu berichten, war der Youngster bereits wieder gefasst.“ Was bedeutet das? Was bedeutet das für meine Familie? Für mich? Für unser Team? Je mehr ich darüber nachdachte und je mehr es mir bewusst wurde, dass es mir gut geht, desto klarer wurde mir, dass alles gut wird“, klang er alles andere als niedergeschlagen. Seine ersten Beschwerden waren ein sogenannter Schub, bei Multipler Sklerose handelt es sich um eine neurologische Erkrankung, bei der die Schutzschichten der Nervenzellen vom eigenen Körper angegriffen werden. Die Symptome sind daher auch sehr unterschiedlich, ebenso wie der Verlauf. Heilbar ist diese Erkrankung nicht, doch Trevor Bayne wollte vor allem eins nicht: Das Aufgeben, was seiner Bestimmung entsprach: Am Steuer eines V8-NASCAR-Boliden seinen Runden drehen.

Auch der Schritt an die Öffentlichkeit war damals von Bayne wohl überlegt. „Warum nicht anderen Menschen in solch einer Lage helfen und Ihnen die richtige Richtung zeigen? Ich fühle, dass es das ist, was meine Aufgabe ist. Also warum schweigen und einfach nur nichts tun? Ich bin Rennfahrer, das ist es, was ich tue, aber es ist nicht alles, was ich bin“, gab er zu Protokoll.

Bayne hat seinen ersten Schub damals ohne bleibende Folgen überstanden, die Symptome sind abgeklungen. Medikamente gibt es mittlerweile einige, die den Verlauf der Krankheit positiv beeinflussen können, jedoch haben alle auch Nebenwirkungen, die teilweise nicht ohne sind. Da für Trevor Bayne die Leistung im Renncockpit auch ganz oben auf der Liste steht, hat er sich gegen die Arzneien entschieden.

Als Rennprofi der Neuzeit sind Fitness und gesunde Ernährung alles andere als ein Fremdwort für Trevor Bayne. Daher bringt er von dieser Seite aus schon einmal gute Voraussetzungen mit, um lange unbeschwert leben zu können. Doch eine Vorhersage zum Krankheitsverlauf ist unmöglich, sollten ähnliche Symptome wieder auftreten, ist auch dem jungen Fahrer klar, dass er nicht jenseits der 300 km/h im Millimeterabstand mit der Konkurrenz um die Ovale jagen kann.

Never Give Up – Der harte Weg zurück an die Spitze

Doch seit der Diagnose hat er seinen Schwerpunkt auf seine Gesundheit gelegt und bleibt damit fit für den Motorsport. Sportlich musste er auch Rückschläge hinnehmen, seinem grandiosen Daytona.-Triumph läuft er bis heute hinterher. Vor allem die Zeit nach seiner Rückkehr ins Cockpit war beschwerlich, seit 2015 ist er Vollzeitpilot in der höchsten NASCAR-Liga, doch das Jahr war eines zum Vergessen für ihn, zumindest sportlich. Privat dagegen hieß es im Dezember letzten Jahres: Vaterfreunden für den NASCAR-Fahrer, der seit 2013 verheiratet ist. Vor allem aber auch ist sein Passagier Multiple Sklerose zwar immer noch dabei, verhält sich aber ruhig, das ist nach seinem Daytona-Triumph der größte Erfolg des Piloten.

Und in der Saison 2016 geht es auch sportlich allmählich wieder nach vorne, im hart umkämpften NASCAR-Feld konnte er zwei Top5-Ergebnisse erzielen und die Top 10 sind wieder regelmäßig in Reichweite. Der heute 25-Jährige Trevor Bayne wird nicht aufgeben, bevor er auch hier wieder ganz vorne mit dabei ist, genauso wie die Diagnose ihn nicht zum Aufgeben bringen konnte.