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Reisters emotionaler Abschied von dem, was er so sehr liebte

Julian Reister setzt seiner Karriere ein Ende

Es war lange ruhig um ihn, dem 30-jährigen Hamburger, der sich fortan nicht länger verstellen will. Seine emotionalen, letzten Worte zum Karriereende verfasste er auf playery.de – direkt von ihm als Autor ohne Zwischenmedium, um das was er zu sagen hat auch wirklich zu sagen: „Liebes Tennis, wir haben uns nicht oft gesehen in letzter Zeit. Daher hast du es bestimmt schon geahnt. Ich möchte mich von dir verabschieden. Nicht von dir als Sport, dafür bist du mir zu wichtig. Aber als Profisportler ist nun die Zeit gekommen, Tschüss zu sagen.“ Mit wohl mehr als einem weinenden Auge ließ er seine ganze Karriere Revue passieren und gab uns, seinen Fans, die diesen Sport auch so liebten genau das, Einblicke in seine Seele.

„Ich weiß noch genau, wie wir uns Anfang der 1990er Jahre kennenlernten. Mein großer Bruder hatte uns vorgestellt. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick, obwohl ich noch nicht mal wusste, wie du wirklich funktionierst. Auf unserer Straße in der Reihenhaussiedlung, als der Bürgersteig die Linie und mein Schläger so groß wie ich war, gingen wir die ersten Schritte aufeinander zu. Seit diesem Tag hingen wir fast jede freie Minute zusammen ab“

Auch der traurige Tod seines Vaters im Alter von zehn Jahren spielte eine entscheidende Rolle für sein zukünftiges Profi-Dasein. „Mein Vater war der Erste, der erkannte, dass ich das Talent dazu hatte. Er organisierte Trainer, Trainingspartner und Förderung, ohne mich jedoch jemals unter Druck zu setzten. Er stillte lediglich mein Verlangen nach immer mehr von dir und lenkte es in professionelle Bahnen. Er starb als ich zehn Jahre alt war. Viel zu früh. Auch du hast mir danach geholfen diese dunkle Zeit zu überstehen. Du gabst mir die Gelegenheit, ihm etwas zurückzugeben, auch wenn er nicht mehr da war.

Genauso beschrieb er den Verzicht auf Mädchen, Alkohol und Partys und die Unlust auf die Schule. Er wollte nur Tennis spielen. „An dir konnte ich meine Aggressionen rauslassen. Viele Schläger sind bis heute stille Zeugen davon. Unzählige Nachmittage habe ich mich mit meiner Mutter direkt nach der Schule zu dir aufgemacht. Lange Strecken und schlechte Noten habe ich gerne in Kauf genommen. Ich hatte ein Ziel vor Augen, ich wollte Profi werden.“

Das sich dieser Schritt gelohnt hat, war wohl spätestens mit dem Aufeinandertreffen des Hamburgers und des Tennisvirtuosen schlechthin klar. In 2010 setzte Reister sich nach erfolgreicher Qualifikation für die French Open in Runde 1 gegen den an 27. gesetzten Feliciano Lopez durch, und nahm sich dann auch noch Olivier Rochus erfolgreich zur Brust, um dann auf sein Idol zu treffen. Gegen Roger Federer war dann allerdings Schluss.

„Am Ende sollte sich das alles gelohnt haben. Du hast mich nicht zum Millionär gemacht. Aber du hast mir Erlebnisse und Eindrücken geschenkt, die unbezahlbar sind. 2011 stand ich das erste Mal unter den Top 100 der Weltrangliste. Eine magische Grenze für mich. Zu den besten 100 Tennisspielern auf diesem Planeten zu gehören, war immer mein großes Ziel gewesen. Ich durfte in meiner Heimatstadt Hamburg ganz besondere Siege vor Familie und Freunden am Rothenbaum feiern. Bei allen vier Grand Slams war ich mit dabei. Diese Zeit des Nachobenkommens war im Rückblick die Schönste meiner Karriere. Ich war unbeschwert, erlebte alles zum ersten Mal und genoss jeden Moment. Es fühlte sich an wie ein Traum, der nun endlich in Erfüllung ging.“

Danach der Schock. Eine Schulterverletzung zwang Reister zu einem Jahr Pause. „Von Arzt zu Arzt bin ich gerannt, ohne dass mir jemand helfen konnte. Ohne Einkommen dafür mit hohen Arztrechnungen, ließt du mich zurück. Doch viel schlimmer war die Furcht, dich für immer zu verlieren. Doch ich kam noch mal zurück und jetzt wollte ich mehr.“

Trainerwechsel, Ernährungsumstellung und professionelleres Auftreten auf der Tour sei dank verbesserte er sich nun von Platz 400 auf 83. „Doch mit den Veränderungen, begann auch meine Liebe zu dir zu bröckeln. Die Unbedarftheit und Lockerheit auf dem Platz, die mich immer ausgezeichnet hatten, wurden von Ängsten und Selbstzweifeln abgelöst. Ich verlor die Freude am Spiel. Ich fühlte mich unwohl auf dem Platz. An Trennung dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich hielt es für eine Phase, die vorbeigeht.“

„Doch sie ging nicht vorbei. Heute weiß ich die Symptome richtig zu deuten. Sie zeigten mir, dass es Zeit wird etwas Neues zu beginnen. Das Leben hält noch so viel abseits des Profisports bereit, auf das ich mich sehr freue. Was das sein wird, kann ich noch nicht sagen, aber ich kann mir gut vorstellen, als Trainer meine Erfahrungen mit dir an andere weiterzugeben.

Die Kritiker hatten womöglich Recht: Vielleicht habe ich aus meinem Talent nicht das Optimum herausgeholt. Aber ich bin absolut im Reinen damit. Was nämlich oft vergessen wird, wenn über Sportler geurteilt wird, dass auch sie Menschen mit individueller Persönlichkeit sind. Ich brauche einen gewissen Müßiggang im Leben, ich kann nicht alles dem Sport unterordnen, ich bin lieber zu Hause als auf Reisen und ich bin vielleicht auch weicher als andere. Diese Persönlichkeitsmerkmale für den Erfolg zu unterdrücken, kann jedoch nur kurzfristig gelingen.

Vielmehr sollte man sich so akzeptieren wie man ist und daraus das Beste machen. Und das habe ich getan. Jedem angehenden Profispieler würde ich mitgeben, dass es das Wichtigste ist, seinen individuellen Weg zu finden. Einen Weg, der zur eigenen Persönlichkeit passt.

Ich verlasse dich also ohne Reue. Vielmehr lasse ich dich sehr dankbar zurück. Ich bin dankbar, dass ich die Gelegenheit hatte, einen Lebensabschnitt mit etwas zu verbringen, das ich schon immer geliebt habe. Daran wird auch die Zukunft nichts ändern."

Den kompletten „Abschiedsbrief“ an seine Liebe Tennis könnt ihr hier noch einmal nachlesen: www.playery.de

Julian Reister verlässt das Profitennis. 5 Turniersiege auf der Challenger Tour hat er auf der Habenseite, nun wird es Zeit für etwas Neues. Vielleicht werden wir ihn schon bald als Trainer wiedersehen. Ganz aufhören wird er nicht, denn dazu liebt er den Sport zu sehr.