Water

Die Geschichte des Surfens

+++ Wie aus der Liebe zur Natur eine der beliebtesten Sportarten der Welt wurde +++

Tausende Kilometer haben die Polynesier auf den Weiten des Pazifiks zurückgelegt, um neue Inseln zu entdecken. Auf großen Auslegerbooten reisten sie ins Unbekannte und navigierten, mit allem was die Natur zu bieten hatte, ob Sterne, Wolken oder Meeresströmungen um das nächste Land zu finden. Wer heutzutage eine hawaiianische Familie beim Spielen im Ozean beobachtet, kann die tiefe Verbundenheit zur Natur und vor allem zum Meer, noch immer sehen.

Wer beobachtet, wie Jung und auch Alt die großen pazifischen Brandungswellen einfach nur mit ihrem Körper abgleiten, weiß genau, dass es so angefangen haben muss - Menschen die sich voller Freude in die Welle stürzen und mit ihnen Richtung Strand rauschen. Um den Auftrieb und die Freude zu erhöhen, wurden kleine Rindenstücke, Planken oder auch Kanus benutzt und schon bald wurden die Planken so groß, dass die Polynesier darauf kniend und sitzend die Wellen ritten. Über 2000 Jahre sollen diese Entwicklungen bereits zurückliegen und die ersten Polynesier, die komplett stehend surften, waren die Tahitianer. Als von Tahiti aus die nächste Besiedlungsära startete, gelangte vermutlich im 11. Jahrhundert das Surfen nach Hawaii und etablierte sich dort schnell als wichtiger kultureller Aspekt. Egal ob jung oder alt, Frau oder Mann, König oder Fischer - jeder Hawaiianer war ein Surfer, selbst wenn die Buchten mit den besten und höchsten Wellen nur für die Könige zugänglich waren. Und ein hawaiianischer König war nur ein guter König, wenn er ein hervorragender Wellenreiter war!

James Cook war begeistert

Und so staunte James Cook nicht schlecht, als er 1778 als erster Nicht-Polynesier die lebensfrohen Hawaiianer beobachtete, wie sie auf Brettern über die Brandung glitten. Doch leider war nicht jeder Neuankömmling dem unbeschwerten Lebensstil wohlgesonnen. Nachdem der große König Kamehame I. 1819 starb und die königlichen Tabu-Gesetze erloschen, führten christliche Missionare strenge Sitten ein und verdrängten die hawaiianische Kultur als Heidentum, Müßiggang und Zeitverschwendung, sodass das Surfen 1823 sogar gänzlich verboten wurde. Innerhalb weniger Jahre verschwand das Surfen fast überall aus Hawaii sowie dem restlichen Polynesien.

Doch Mark Twain hatte Glück, als er 1866 nach Hawaii reiste und einige Hawaiianer beim „Sitte brechen“ beobachten und später davon in seinen Reiseberichten erzählen konnte. Ihm und Jack London, der 1907 das Gleiche tat, ist es zu verdanken, dass der ehemahlige Nationalsport der Insulaner auf zunehmendes Interesse der restlichen Welt traf. Währenddessen gründeten sich 1906 die ersten hawaiianischen Surfclubs und aus einfachen Beachboys wurden die ersten Rettungsschwimmer, welche die Strände bewachten. Als um 1900 Hawaii zum US-Territorium erklärt wurde, brachte der dadurch hereinbrechende Tourismus das Surfen nach Kalifornien. Dort bildete sich vor allem in Malibu und San Onofre ein regelrechter Surfkult heraus. Doch neben diesen Entwicklungen, gilt vor allem einer als der Begründer des modernen Wellenreitens - der damalige hawaiianische Schwimmstar Duke Paoa Kahanamoku. Dieser holte zwischen 1911 und 1924 viele Titel, stellte neue Rekorde auf und siegte sogar bei Olympia. Auf seinen Reisen quer um den Globus stellte er dabei in jedem Land, welches er bereiste, das Surfen vor und brachte es vor allem in Australien zu großer Bekanntheit. Bereits als Teenager baute er seine eigenen Surfbretter und nahm sich dabei die uralten hawaiianischen Bretter zum Vorbild. Er baute den Vorreiter zu den heute bekannten Boards, nur wogen seine damals noch 52 kg und waren gut 4,80 Meter lang.

Ein weiterer Aufschwung startete durch die neuartigen Materialien, die in den kommenden Jahrzehnten auf den Markt kamen. Mit den neuen Klebstoffen, die während des ersten Weltkrieges entwickelt wurden, konnten nun leichtere und härtere Holzarten benutzt werden, um die Surfbretter zu bauen und zusammenzuleimen. Tom Blake entwickelte um 1920 die erste finnenähnliche Konstruktion, löste so die bis dahin übliche Fußsteuerung ab und ermöglichte damit völlig neue Manöver. Mit Hilfe von Fiberglassmatten und Kunststoffharzen, die ab Ende des zweiten Weltkrieges für Privatleute erhältlich waren, wurden die Boards immer leichter, sodass 1949 bereits ein Leichtgewicht mit nur zwölf Kilogramm gebaut werden konnte. Ein weiterer Meilenstein für die Erfolgsgeschichte des Surfens ist Jack O`Neill zu verdanken. Da ihm beim Surfen in Nordkalifornien schnell kalt wurde, entwickelte er mit dem befreundeten Physiker Hugh Bradner um 1950 den ersten Neoprenanzug. Durch diese Erfindung fing das Surfen an zu boomen, denn nun war das Surfen weitaus weniger standort- und wetterabhängig als zuvor.

Von Kalifornien nach Biarritz: Als das Surfen Europa eroberte

Die europäische Surfgeschichte begann, als der Drehbuchautor Peter Viertel 1957 zu Dreharbeiten ins französische Biarritz reiste. Die dortigen Wellen faszinierten ihn so sehr, dass er und sein Kompagnon sich ihre Surfbretter aus Kalifornien schicken ließen. Die verdutzten Franzosen waren so angetan von dem Ritt auf den Brandungswellen, dass an der Côte des Basques der erste Surfclub Europas entstand und sich dort ebenfalls das kulturistische Zentrum der europäischen Surfgeschichte bildete. Dass dort auch die Leash entwickelt wurde, die heutzutage zum Standard-Equipment gehört, ist noch das i-Tüpfelchen.

Und so veränderte sich das Surfen immer weiter zum Massensport. Die Bretter wurden kleiner und leichter, die Neoprenanzüge funktionaler und mit der Einführung der heute bekannten 3-Finnen-Anordnung an den Shortboards, verpasste der Australier Simon Anderson den Surfboards den letzten Schliff.

Als Krönung der unglaublich intensiven Geschichte des hawaiianischen Nationalsports wurde im August 2016 entschieden, dass das Wellenreiten olympisch wird. Ab 2020 können wir in Tokyo die besten Surfer der Welt beobachten, wie sie um den Titel kämpfen. Natürlich hoffen wir darauf, dass trotz aller Wettkampfmentalität auch ein Stück der ursprünglichen, hawaiianischen Kultur verbreitet wird. Die Verbundenheit zur Natur und der Spaß daran.