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Ski-Legende schafft den Absprung

Marcel Hirscher beendet seine einzigartige Laufbahn.

Sein Abgang war sorgfältig geplant und wohl inszeniert: Als Marcel Hirscher Anfang September zur Pressekonferenz ins ehemalige Salzburger Gusswerk bittet, hält die Ski-Welt den Atem an. Rund 120 Reporter haben sich zu dem Event angekündigt, das österreichische Fernsehen überträgt live und selbst Reporter von CNN und der New York Times sind extra ins Salzburger Land gereist. Unter dem Motto „Rückblick, Einblick, Ausblick“ verkündet einer der erfolgreichsten Skirennläufer aller Zeiten das, was schon Wochen zuvor durchgesickert war – seinen Rücktritt.

„Heute ist der Tag, an dem ich meine aktive Karriere beenden werde. Jetzt ist es raus und es wird leichter für mich. Der erste Schritt ist gemacht“, sagte der Österreicher.

Die Bilanz des 30-Jährigen ist nahezu unerreicht: In zwölf Weltcup-Jahren gewann Hirscher acht Mal die Gesamtwertung und feierte 67 Weltcup-Siege. Hinzu kommen sieben WM-Titel und als krönender Abschluss zwei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang. Nur der Schwede Ingemar Stenmark hat im Weltcup mit 86 Erfolgen mehr Siege auf dem Konto.

Weltcup verliert seine Charakterköpfe

Hirscher hegte ob des ständigen Leistungs- und Erwartungsdrucks einer ganzen Ski-Nation schon vor einem Jahr Rücktrittsgedanken, brauchte aber einen weiteren Weltcup-Winter, um dem Ski-Zirkus „Servus“ zu sagen. „Ich habe hin und her überlegt. Wenn man immer nur einen Weg verfolgt, ist es einem fast unmöglich, das zu entscheiden“, sagte der Slalom- und Riesenslalom-Spezialist.

Letztendlich stieß der Ausnahmeathlet, der seit 2012 die große Kristallkugel unfassbare acht Mal in Folge gewann, an seine körperlichen und psychischen Grenzen. Hirscher: „Es ist teilweise auch eine Frage der Motivation. Die Zeit im Sommer ist zu kurz geworden, um wieder 100 Prozent regeneriert zu sein. Mein Akku lädt nicht mehr so schnell und effektiv wie es mit 18 war. Nach zwölf Jahren ohne Pause und Verletzung ist das nicht verwunderlich.“

Marcel Hirscher krönte mit zwei Goldemedaillen bei den Olympischen Winterspielen 2018 seine einzigartige Laufbahn.

Seine größten Konkurrenten und Freunde zeigten sich vom Abgang der Skilegende überrascht, zollten dem Österreicher aber höchsten Respekt. „Ich habe bis zuletzt gehofft, dass der Marcel weitermacht. Mich überrascht das, ich hätte damit nicht gerechnet. In jedem Fall extrem bitter, damit verlieren wir einen ganz Großen des Sports", sagt der Deutsche Felix Neureuther dem Spiegel.

Der Österreichische Skiverband (ÖSV) verliert mit Hirscher seine Führungsfigur, auch wenn deren Präsident Peter Schröcksnadel nach Bekanntwerden des Rücktritts eifrig in der Kleinen Zeitung verkündete: „Marcel wird dem ÖSV erhalten bleiben. Er will mit der Jugend arbeiten, seine Erfahrungen weitergeben, sie ausbilden.“

Auch im Weltcup hinterlässt Hirschers Abgang eine Riesen Lücke. Nach den Rücktritten von Lindsey Vonn, Felix Neureuther und Aksel Lund Svindal fehlen der Szene zunehmend die Charakterköpfe. „Svindal weg, Hirscher weg, Vonn weg, das ist echt heftig", sagte Neureuther angesichts der Abschiede zahlreicher Stars.

Familie steht künftig im Vordergrund

Hirscher wird es wurscht sein. Nach 245 Weltcup-Rennen ist der Junge aus dem Lammertal, der einst auf der Alm seines Vaters ohne Wasser- und Stromanschluss groß wurde, froh, sich mehr der Familie widmen zu können. Im Sommer heiratete der Salzburger seine langjährige Freundin Laura, im Herbst kam der erste Sohn des Ehepaars zur Welt.

„Es war mir immer wichtig, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, wo ich sage, dass ich mit dem Kleinen noch Fußball spielen kann, ich will gern Motocross fahren und gern auf den Berg gehen“, sagte Hirscher.

Über seine künftigen Karrierepläne schwieg sich die Skilegende noch aus. Nur so viel: „Es warten spannende Projekte auf mich. Ich habe wahnsinniges Glück gehabt, dass ich zwei gesunde Knie habe und nach so vielen Jahren als Profisportler nach Hause fahren darf.“

Titelbild: ©Gettyimages