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Hält der deutsche Eishockey-Boom an?

Nach Olympia-Silber sind deutsche Eishockey-Talente gefragt wie nie. Zum Nachteil der heimischen Liga?

So jung und schon so cool: Als Eishockey-Talent Dominik Bokk Ende Juni von NHL-Klub St. Louis Blues verpflichtet wurde, reagierte der 18-Jährige lässig. „Ein Traum geht in Erfüllung. Es fühlt sich großartig an. Ich gehe jetzt erst mal mit meinen Eltern essen und danach machen wir eine kleine Party“, kommentierte der Stürmer seinen Karrieresprung in die National Hockey League.

Bokk ist erst der sechste deutsche Spieler, der bereits in der ersten Auswahl-Runde von NHL-Klubs gedraftet wurde. Neben dem Schweinfurter wechselten in diesem Sommer vier deutsche Nationalspieler in die NHL. Sieben weitere Profis, darunter Superstar Leon Draisaitl von den Edmonton Oilers und Stanley-Cup-Gewinner Philipp Grubauer von den Washington Capitals, standen in der letzten Saison in der stärksten Eishockey-Liga der Welt unter Vertrag. Eishockey-Talente „Made in Germany“, so scheint es, sind im Kommen!

Anmeldezahlen steigen um 15 Prozent

Ein Grund für den Höhenflug ist der Riesen-Erfolg der deutschen Nationalmannschaft, die Anfang des Jahres bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea sensationell die Silbermedaille gewann. Das Team von Bundestrainer Marco Sturm musste sich erst im Finale der russischen Vertretung mit 3:4 nach Verlängerung geschlagen geben. „Olympia-Silber öffnet die Türen“, prophezeite damals der Geschäftsführer der Deutschen Eishockey Liga (DEL), Gernot Tripcke.

Tatsächlich ist das deutsche Eishockey seit dem Erfolg von Pyeongchang im Aufwind. Die Anmeldezahlen im Deutschen Eishockey-Bund (DEB) stiegen um 15 Prozent, knapp 3000 Kinder unter zehn Jahren meldeten sich in den Nachwuchs-Abteilungen der Klubs an. „Wir wollen besser werden, wir wollen wachsen. Ich glaube an einen Schub“, sagte DEB-Präsident Franz Reindl.

Von dem Boom will auch die DEL profitieren. Die höchste deutsche Spielklasse hat sich im 25. Jahr seit ihrer Gründung nach dem Profifußball zur zuschauerstärksten Liga im deutschen Mannschaftssport etabliert. „Die Stimmung ist sehr gut. Wir haben positive Zahlen, auch in der Rekrutierung. Wir nehmen die Silbermedaille mit, aber wir müssen sie auch richtig einordnen“, sagte DEB-Sportdirektor Stefan Schaidnagel der Süddeutschen Zeitung.

Was der Funktionär und Vertraute von Bundestrainer Sturm meint: Die Strukturen in Liga und Verband sind ausbaufähig. Reformen tun not. Nach wie vor setzen die Manager der DEL-Klubs unter dem Erfolgsdruck lieber auf mittelmäßige Spieler aus dem Ausland, als auf eigene Talente. Schafft ein Nachwuchsspieler den Sprung in ein DEL-Team, erhält er zu geringe Einsatzzeiten, um sich zu entwickeln.

Obwohl sich viel getan hat, sind wir als Verband bestrebt, die Trainerausbildung zu verbessern, die Qualität der Auszubildenden zu erhöhen. Am Ende des Tages kommt es aber darauf an, wie viele gut ausgebildete deutsche Nachwuchsspieler wir in den Profiligen aufs Eis kriegen,so Schaidhagel.

Seine Befürchtung: „Wenn wir die Reformen nicht weiterführen, werden wir den Sprung vom oberen Mittelmaß in den Spitzenbereich nicht schaffen.“

Talente wandern schon mit 15 ab

Die hohe Nachfrage nach guten deutschen Spielern ist für die DEL derzeit eher Fluch als Segen. Dominik Kahun (23) reifte bei Meister München zum Nationalspieler heran und schloss sich im Sommer den Chicago Blackhawks an. Yasin Ehliz (25/ Calgary) und Brooks Macek (26/ Las Vegas) wechselten ebenfalls zu NHL-Klubs, müssen sich aber vorerst bei den zweitklassigen Farmteams beweisen. Marcel Noebels (26) von den Eisbären Berlin versuchte sich im Trainingscamp der Boston Bruins, kehrte aber ohne Vertrag zurück.

Andere Talente wagen schon mit 15, 16 den Sprung über den Teich, um sich den Traum von einer NHL-Karriere zu erfüllen. „Viele Talente fliehen aus Deutschland, weil sie in Amerika die Chance sehen, am College Bildung mit sportlich hohem Niveau zu verbinden. Dem wollen wir entgegenwirken“, so Schaidnagel. Der DEB-Sportdirektor plant unter anderem die Einführung einer U 20-Liga, „damit junge Spieler Schule und Sport besser in Einklang bringen können“. Auch Förderverträge mit klaren Gehaltsrahmen seien im Gespräch.

Dominik Bokk verließ mit 17 die Talenteschmiede der Kölner Haie und ging zunächst nach Schweden. Beim Erstligisten Växjö Lakers gab der Stürmer vor einem Jahr seinen Einstand in der Profimannschaft. Spätestens da hatten auch die Talentesucher der St. Louis Blues den jungen Deutschen auf dem Zettel. „Wenn man Geschwindigkeit und Technik gepaart mit Esprit mag, wird man diesen Kerl mögen“, begründete Blues-Scoutingchef Bill Armstrong die Verpflichtung des Junioren-Nationalspielers. Bis Bokk sein NHL-Debüt gibt, geht allerdings noch etwas Zeit ins Land. Der Franke soll vorerst bei seinem schwedischen Stammklub Spielpraxis sammeln.