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Mehr Masse statt Klasse

Ein anerkannter Experte in Sachen Fitness ist der Meinung, dass es den meisten Fußballern an Muskeln fehlt

„Holger Badstuber: 1281 Tage verletzt“, titelte die Süddeutsche Zeitung im Februar diesen Jahres, eine von vielen Schlagzeilen über die Verletzungshistorie des Innenverteidigers vom FC Bayern München. Mehr als 500 Tage seiner Karriere kosteten ihn alleine Verletzungen am Kreuzband in seinem rechten Knie. Eine Verletzung, die man laut Charles Poliquin um 40% verringern kann. Genau wie die in den Adduktoren und im Knöchel, die neben den Verletzungen an den Kreuzbändern zu den häufigsten im Fußball zählen. Seiner Meinung nach lassen sich entscheidende Ursachen wie die Instabilität des Kniegelenks, ein zu schwacher Beinbizeps und mangelnde Mobilität, durch Krafttraining weitestgehend beheben.

Charles Poliquin ist einer der bestbezahlten und erfolgreichsten Krafttrainer der Welt. Er hat in den letzten 30 Jahren hunderte von Athleten aus insgesamt 17 verschiedenen Wettbewerben, wie z. B. der NHL, NFL und den olympischen Winter- sowie Sommerspielen, trainiert. Zu seinen Athleten zählt u. a. die erste amerikanische und amtierende Goldmedaillen-Gewinnerin im Ringen, Helen Maroulis, die im Finale von Rio 2016, überraschend, die dreifache Titelverteidigerin und Ausnahmeringerin, Saori Yoshida bezwang.

Und kein geringerer als er behauptet, dass das Niveau des Krafttrainings im Fußball mehr als 40 Jahre zurückliegt. Er vergleicht es mit dem der NHL in den 70er-Jahren, wo das Krafttraining, anders als heute, einen sehr geringen Stellenwert hatte. Die Edmonton Oilers, das legendäre Team um die Eishockeylegende Wayne Gretzky, erkannte als Erstes den Wert des intelligenten Krafttrainings und dominierte über Jahre die NHL. Zwischen 1983 und 1990 sicherten sie sich fünf Mal den Stanley Cup, die wichtigste Eishockeytrophäe der Welt. Eine ähnliche Entwicklung erwartet Poliquin auch im Fußball.

Seiner Meinung ist der Körper eines Fußballers nicht optimal auf die Belastung des Spiels vorbereitet, ihnen fehlt es schlicht an Körper- und Muskelmasse. Als Grund führt er zu einseitiges, aerobes Training an, sprich Training, das den Fokus auf die Steigerung der allgemeinen Ausdauer legt. Diese ist aber nicht der limitierende Faktor für den Spieler. Dadurch dass im Fußball viel im Sprint agiert wird, befindet sich der Energiebedarf im anaeroben Bereich, d. h. die Energiereserven werden nicht, wie im aeroben Bereich mit, sondern ohne Sauerstoff verwertet. Beim anaeroben Training werden andere Muskelfasern beansprucht, welche den Muskel wachsen lassen. Nicht umsonst sind die Staturen eines Langstreckenläufers und die eines Sprinters so unterschiedlich, obwohl sie einen ähnlichen Bewegungsablauf haben.

Usain Bolt
Jan Frodeno

Eine Zusammenspiel beider Formen wäre also eine optimale Kombination für einen Fußballer. Dass die Bedeutung des anaeroben Parts im Training deutlich zugenommen hat, will er zwar nicht leugnen, allerdings seien die Methoden veraltet und ineffektiv. Das begründet er mit drei Assessments, bei denen er physiologische Merkmale der Spieler dreier Premier League Vereine erfasst hat und feststellen musste, dass der durchschnittliche Spieler die Statur eines 16-Jährigen hat.

All das sind für Poliquin Faktoren dafür, dass viele Fußballer sich noch nicht am Leistungslimit bewegen. Eine Umsetzung seiner Ideen würde also zwangsläufig die Steigerung des Marktwerts der Spieler bedeuten, ein Anreiz der in seinen Augen nicht zu unterschätzen sei. Das sieht vielleicht auch Holger Badstuber so, dessen Marktwert, aufgrund seiner Verletzungen, von 22 auf drei Millionen Euro gefallen ist.