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Marathon-Mann Tom Gröschel: „Laufen ist mein Leben, meine Berufung, mein Job.“

Deutschlands schnellster Marathonläufer über seinen rasanten Aufstieg, den Traum von Olympia und das Mutterland des Laufens.

Tom Gröschel ist derzeit Deutschlands schnellster Marathonläufer. Der zweifache Deutsche Meister hat gute Chancen, bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio dabei zu sein. Um das Ticket für die Sommerspiele in Japan zu lösen, muss der 28-Jährige aber noch etliche Hürden nehmen. Zuletzt unterzog sich Gröschel, der seit drei Jahren bei der Laufgruppe des TV Wattenscheid aktiv ist, einer Operation, um seine Schmerzen an der Ferse in den Griff zu bekommen.

Im exklusiven Interview mit SPORTSUPREME beschreibt der Rostocker, der eine Ausbildung bei der Landespolizei Mecklenburg-Vorpommern absolvierte, seine Entwicklung zum Marathonläufer, gibt spannende Einblicke in seinen Trainingsalltag und erklärt, warum die Afrikaner seit Jahrzehnten zu den weltbesten Läufern zählen.

SPORTSUPREME: Wie ist deine Operation verlaufen?
Tom Gröschel: „Ich bin Ende August in Rheinfelden an der Deutsch-Schweizer Grenze an der Ferse operiert worden. Derzeit bin ich in der Reha in Herxheim in der Pfalz. Der Heilungsprozess verläuft gut. Ich hoffe, dass ich nach nach sechs Wochen wieder normal gehen und nach zehn Woche leicht joggen kann. An die Krücken werde ich mich aber wohl nie gewöhnen.“

SPORTSUPREME: Warum war die OP notwendig?
Gröschel: „Ich war in den letzten zwei Jahren nie schmerzfrei. Um mich sportlich weiterzuentwickeln, muss ich mein Trainingspensum intensivieren. Deshalb habe ich mich zu dem Eingriff entschlossen. Das ist schon eine blöde Situation, schließlich ist das Laufen mein Leben, meine Berufung, mein Job.“

SPORTSUPREME: Ist die Verletzung deinem Wechsel auf die Marathon-Distanz geschuldet?
Gröschel: „Nein, die Probleme traten schon Anfang 2017 akut auf. Damals verlor ich durch einen Längsriss der Achillessehne eine ganze Saison. Leistungssport ist immer eine Gratwanderung zwischen Beständigkeit und Verletzung. Das geht meinen Trainingspartnern nicht anders.“

SPORTSUPREME: Du warst im Juniorenalter auf der Bahn und Straße eher auf kürzeren Distanzen unterwegs und hast vor allem im Crosslauf Erfolge gefeiert. Warum bist du auf die Marathon-Distanz gewechselt?
Gröschel: „Ich habe mich im Frühling 2018 dazu entschieden, weil ich das als Chance sah, bei den Europameisterschaften in Berlin dabei zu sein. Dass ich dann bei meinem ersten Marathon in Düsseldorf auf Anhieb Deutscher Meister werde und eine Zeit von 2:15:20 Stunden laufe, war auch für mich total überraschend.“

SPORTSUPREME: Andere Sportler müssen für so eine Zeit ewig trainieren und vor allem etliche Marathons absolvieren. Wie erklärst du dir deine Leistungs-Explosion?
Gröschel: „Schwer zu sagen. Manche performen auf der Bahn besser, andere auf der Straße. Meine Bestzeiten auf der Bahn sind ziemlich schwach im Verhältnis zu dem, was ich jetzt im Marathon abgeliefert habe. Anscheinend finde ich auf der Straße besser meinen Schritt, kann mich da mehr verausgaben. Vielleicht bringe ich auch durch den Crosslauf eine gewisse Wettkampfhärte mit.“

SPORTSUPREME: Der Erfolg bei deinem Marathon-Debüt war keine Eintagsfliege. Bei der EM in Berlin wurdest du als bester Deutscher Elfter. Und in diesem Jahr hast du in persönlicher Bestzeit von 2:13:49 Stunden den Titel bei der Deutschen Meisterschaft verteidigt. Eine Bestätigung, dass du auf dem richtigen Weg bist?
Gröschel: „Ja, das war wiederum eine krasse Überraschung. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich so schnell performe. Ich habe 2018/19 das Training intensiviert und es geschafft, ein paar mehr Kilometer zu laufen. Das zahlte sich aus.“

SPORTSUPREME: Wie sieht dein Trainingsalltag normalerweise und vor Wettkämpfen aus?
Gröschel: „Ich wohne in Bochum und teile mir mit meinen Vereinskollegen eine WG. Ich laufe täglich ein- bis zweimal. Mehr war bislang wegen der Probleme an der Ferse nicht drin. Andere Spitzenläufer spulen pro Woche 200 Kilometer ab. Ich bin froh, wenn ich 120 bis 180 Kilometer schaffe. Stattdessen verbringe ich viele Stunden mit alternativem Training wie Radfahren und Aquajogging. Das ist angenehmer für den Stützapparat und mittlerweile international weit verbreitet. Hinzu kommen Tempoläufe, Kraft- und Schnelligkeitseinheiten sowie Physiotherapie. Da kommen schnell 13 Einheiten und mehr pro Woche zusammen. Mit diesem Trainingsablauf fühle ich mich wohl, andere Leistungssportler machen es wieder anders.“

SPORTSUPREME: Wie zum Beispiel die Afrikaner. Du hast bereits Trainings-Camps in Kenia absolviert. Welche Erkenntnisse hast du im Mutterland des Laufsports gewonnen?
Gröschel: „Es ist total inspirierend. In dem Ort Iten, dem selbsternannten ,Home of Champions’, geben sich Weltmeister und Olympiasieger die Klinke in die Hand. Trotzdem gibt es keinen Starkult, Hobby- und Leistungssportler laufen gemeinsam. Es ist ein viel größeres Miteinander.“

SPORTSUPREME: Wie läuft ein Trainingstag in Kenia ab?
Gröschel: „Die Afrikaner stehen kurz vor Sonnenaufgang auf, treffen sich an der Straße und laufen in einer großen Gruppe los. Die erste Einheit am Vormittag laufen sie sehr schnell, da würde der „Mzungu“ – also der anders Aussehende – nie in die erste Reihe gelassen werden. Aber am Nachmittag lassen sie es langsam angehen, da wären wir Europäer die Schnelleren. Laufzeiten oder ein festgelegter Kilometerschnitt spielen für sie eine untergeordnete Rolle.“

SPORTSUPREME: Warum gehören die Afrikaner dennoch seit Jahrzehnten zur Weltspitze?
Gröschel: „Es ist eine Mischung aus Genetik und Lebenskultur. Zum einen haben die Afrikaner ein anderes Last-Kraft-Verhältnis. Sie sind meist kleiner, haben einen kürzeren Oberkörper und längere Extremitäten. Durch das jahrelange Barfußgehen haben sie eine viel ausgeprägtere Fußmuskulatur. Das sind kleine Faktoren, die ihnen helfen, schnell zu laufen.

Zum anderen trainieren sie in Iten permanent auf 2400 Metern Höhe und damit unter verringerten Sauerstoffbedingungen. Wenn sie zu den Wettkämpfen nach Europa herunterkommen, können sie schneller laufen, weil der Körper gewohnt ist, mit weniger Sauerstoff klarzukommen. Noch entscheidender ist das Streckenprofil in der Region. Es geht permanent rauf und runter. Die laufen so schnell den Berg hoch, wie ich es nicht bergab könnte. Das ist verrückt. Das kann man hier in Europa kaum nachstellen.

Ein dritter Punkt ist der soziale Aspekt: Der Laufsport ist für Afrikaner oftmals die einzige Chance, aus ihrem ,normalen’ Leben zu entfliehen. Wenn sie in Europa 1000 Euro Preisgeld gewinnen, können sie damit eine vierköpfige Familie länger als ein Jahr ernähren. Das ist natürlich ein ganz anderer Anreiz.“

SPORTSUPREME: Schon nächstes Jahr könntest du bei den Olympischen Spielen in Tokio gegen die Besten der Welt antreten. Wie stehen deine Chancen für die Olympia-Quali?
Gröschel: „Das ist schwer einzuschätzen. In Rio wäre ich mit meiner jetzigen Marathon-Zeit dabei gewesen. In Tokio wurde das Teilnehmerfeld von 160 auf 80 Läufer halbiert und ein komplizierter Qualifikations-Modus eingeführt. Erstens muss ich national unter die besten drei Läufer kommen. Zweitens muss ich bei bestimmten Meisterschaften und Marathons Punkte für eine Weltrangliste sammeln. Aus dieser sind die besten 80 Läufer in Tokio dabei. Ich finde das schade, weil das World Ranking dem olympischen Gedanken widerspricht. Der dritte und vermeintlich einfachste Weg wäre, unter 2:11:30 Stunden zu laufen. Aber wer kann das schon von sich sagen.“ (lacht)

SPORTSUPREME: Wirst du rechtzeitig fit?
Gröschel: „Meine Genesung steht jetzt im Vordergrund. Ich bin vorsichtig und mache mir keinen Druck. Ich hoffe, dass ich zu Weihnachten normal laufen kann. Im Januar geht es wieder nach Kenia, im April will ich an den Deutschen Meisterschaften in Hannover teilnehmen. Dann wird man sehen, ob es reicht.“