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Wettkampf unter Brüdern

Wie sein kleiner Bruder Mischa Zverev zu Höchstleistungen antreibt

Der Verlierer verlässt unter Standing Ovation die Rod Laver Arena. Vor 15.000 Zuschauern heißt es 1:6, 5:7, 2:6 gegen Roger Federer im Australian Open-Viertelfinale. Eigentlich nur eine Randnotiz wert, denn das war nur die Zugabe. Gegen ein Idol zu spielen, war auch trotz des Ergebnisses ein Riesenerlebnis. Und es war nicht in Runde eins eines x-beliebigen ATP-Turniers, sondern im Viertelfinale eines Majors. Die Anspannung merkte man ihm gleich zu Beginn des Matches an. Ärgerliche Punktverluste und ein auf die Taktik des Deutschen vorbereiteter Federer, der gleich zu Beginn klarmachte, dass es am heutigen Tage nur über ihn gehen sollte. Beim Stand von 0:5 wurden schnell Erinnerungen an das Viertelfinale von Halle im Jahr 2013 wach. Beim 0:6 und 0:6 erlitt Zverev mit der sogenannten „Brille“ damals die Höchststrafe. Doch jetzt spielt ein anderer Zverev. Das 1:6 im ersten Satz schüttelte er schnell ab und zeigte im zweiten Durchgang kurzzeitig sein Tennis aus dem Murray-Match und nahm Roger sogar den Aufschlag ab. Das anschließende Re-Break egalisierte den kleinen Vorteil. Beim Stand von 5:5 machte der vermutlich beste Tennisspieler aller Zeiten ernst und sicherte sich den zweiten Satz. Danach war der „FedExpress“ nicht mehr zu stoppen. Zwei solche Ausnahmekönner innerhalb von zwei Tagen zu schlagen, wäre wohl zu viel des Guten gewesen.

Mischa Zverev verlangte Roger nur kurzzeitig alles ab.

Comeback des Mischa Zverev

Doch wer hätte gedacht, dass Mischa überhaupt je wieder so Tennis spielen kann bzw. dass er überhaupt Tennis spielen kann. Vor zweieinhalb Jahren nach einer OP im Handgelenk schon ans Karriereende denkend, hat keiner mehr einen Pfifferling auf den damals 27-Jährigen setzen wollen, nicht mal er selbst. Zuvor hatte er sich 2014 bei keinem ATP-Turnier für die erste Runde qualifizieren können. In der Tennis-Weltrangliste ist er auf Platz 1067 abgestürzt. Das Karriereende war eine realistische Option. Der Einzige, der ihm immer wieder Kraft und Aufmunterung gab, war sein 17 Jahre junger Bruder Alexander, der grad auf dem Weg war die weite Tenniswelt zu erobern. Als es „Sascha“ jung und unbekümmert mit einer Wildcard ausgestattet bis ins Halbfinale des Heimturniers von Hamburg schaffte, packte Mischa seine letzte Chance. „Wenn er das schafft, will ich es auch noch mal versuchen“, sagte er. Das Talent dazu hat er allemal. In der Jugend spielte er in der Weltspitze mit, sein bestes Karriereergebnis war Platz 45 der Weltrangliste im Jahr 2009. Schon damals standen ihm immer wieder Verletzungen und sein eigenes Temperament im Weg. Davon ist heute nichts mehr zu spüren. Mit seinem Comeback-Willen hat er sich in den letzten beiden Jahren wieder herangearbeitet und erntet jetzt die Früchte.

Shanghai Masters als Dosenöffner in die Weltspitze

Nach Monaten als Tennistrainer im Süden von Texas, ersten Schritten auf der Challenger-Tour und über die Qualifikationsrunden der ATP-Tour arbeitete er sich langsam wieder Richtung Top 100. Gleichzeitig mit seinem Aufstieg kam auch sein Bruder immer mehr in den Fokus der Weltspitze. Die Zverevs, Söhne einer ehemaligen Top-25-Spielerin und eines Davis-Cup-Spielers aus Russland, waren und sind oft zusammen unterwegs, stachelten sich auf der Tour gegenseitig zu Höchstleistungen an. Die Erfolge des kleinen Bruders nahmen den großen Bruder auch etwas aus dem Fokus. Der Druck lastete nicht mehr auf Mischas Schultern. Das lässt ihn befreit aufspielen. „Ich habe gelernt zu genießen – und die Energie, die ich bekomme, positiv zu empfangen.“

Entscheidend für das Klettern von mehr als 1000 Ranglistenplätzen aber war Zusammenleben und gemeinsames Training mit dem Bruder. Ein besonderes Duell. Keiner verliert gern gegen seinen Bruder, insbesondere wenn der zehn Jahre jünger ist. Vor einigen Jahren im heimischen Garten noch ein Klacks, ist der kleine Bruder nun ein ernster Gegner, selbst bei den kleinsten Wettbewerben. „Alexander will immer gewinnen und glaubt an sich. Seine positive Energie überträgt sich auf mich. Wenn ich merke, dass ich mit meinem Bruder mithalten kann, zeigt es mir, dass ich mit anderen mithalten kann.“ Am 17. Oktober 2016 kehrte er nach fünf Jahren wieder in die Top100 zurück. Dort erreichte er beim ATP Masters in Shanghai das Viertelfinale und machte einen Sprung von Platz 110 auf 68. Über zwei Qualifikationsrunden sicherte er sich erst den Platz im Hauptfeld. In Runde zwei hat der gebürtige Moskauer das Enfant Terrible Nick Kyrgios mit seiner unorthodoxen Art quasi zermürbt. Schluss war erst im Viertelfinale gegen niemand geringeres als den damaligen Weltranglistenersten Novak Djokovic. Eine Woche später bestätigte er seine stark aufsteigende Form, als beim 500er-Turnier in Basel das Halbfinale erreichte und dabei auch den US Open Sieger Stan Wawinka aus dem Turnier nahm. Mit diesen Ergebnissen zum Abschluss des Jahres sicherte er sich nun sein Ticket für Australian. Als Nummer 50 der Welt reiste er hier an und wird durch seinen Sensationssieg gegen Andy Murray in der kommenden Woche sogar an Rang 35 geführt werden. Damit nur noch 13 Plätze hinter seinem Bruder Alexander, der sich trotz hartem Kampf gegen Nadal nicht über die dritte Runde hinaus kam.

Mischa Zverev schlägt Weltranglistenersten Andy Murray

Die Schlagzeilen gehören derzeit Mischa Zverev und seinem wie aus der Zeit gefallenen Serve-and-volley-Spiel. Ein Typ aus einer anderen Tenniszeit. Genau deshalb hat der Linkshänder seit dem Achtelfinale einen neuen, prominenten Fan – John McEnroe war begeistert von seiner Art und Weise zu spielen. Gegen Murray suchte er 118 Mal den Weg ans Netz. „Ich habe eben eine unkonventionelle Spielweise, mit der nicht jeder zurechtkommt. Von mir kann man noch viel erwarten“, so Zverev vor etwa acht Jahren. Doch er hat nichts daran geändert. In Topform servierte er die Nummer eins der Welt ab. Das 7:5, 5:7, 6:2, 6:4 ist womöglich die größte Sensation des ganzen Tennisjahres. "Das war sicherlich das beste Match meines Lebens," sagte Zverev. "Vor allem wenn man die Umstände berücksichtigt, bei einem Grand Slam Turnier und gegen die Nummer eins der Welt."

'Brother-Act' im Davis Cup gegen Belgien

So eine Erfolgsserie – sowohl bei Mischa als auch bei Sascha - weckt natürlich Begehrlichkeiten. Beim Deutschen Tennis Bund steht die Nominierung für die Davis Cup-Begegnung vom 3.-5. Februar in Frankfurt. Deutschland will und muss in Bestbesetzung antreten, um gegen die starken Belgier mit ihren Topstar David Goffin zu bestehen und nicht die Abstiegsrunde zu müssen. Im Gespräch mit Matthias Stach und Boris Becker bestätigte Alexander Zverev dem TV-Sender Eurosport, dass er wieder für Deutschland auflaufen wird. Aber nicht nur er, sondern auch sein Bruder Mischa: „Zum ersten Mal spielen wir beide zusammen. Das ist schon etwas ganz Besonderes.“ Vorher verplapperte sich bereits Philipp Kohlschreiber, der das so auch schon wusste. Neben Kohli und den Zverev-Brüdern wird Jan-Lennard Struff als vierter Spieler mit von der Partie sein. Gegenüber Sky Sport News HD hatte auch Kohlmann am Sonntag gesagt: „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir in Frankfurt gegen Belgien mit der nominell besten Mannschaft auflaufen können. Nach den Leistungen kann man davon ausgehen, dass da sowohl Sascha als auch Mischa Zverev eine große Rolle spielen.“ Das bestätigt die Theorie, dass beide Zverevs dabei sind, denn derzeit stellen sie den besten und den drittbesten Spieler Deutschlands.