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Bundesliga: Digitalisierung krempelt den Fußball um

So bereiten sich Spitzenklubs in Europa auf die digitale Zukunft vor

Die Zukunft des Fußballs beginnt in der Provinz: In der Nähe von Zuzenhausen, einem 2000-Einwohner-Dorf im Kraichgau, liegt das Trainingsgelände von Bundesligist TSG Hoffenheim. Dort, wo die Profis von Trainer Julian Nagelsmann täglich ihre Runden drehen, entsteht eines der modernsten Innovations-Zentren für die Digitalisierung des Fußballs.

Herzstück des neuen „Fußball-Labors“ ist der „Interactive Data Space“, ein futuristisch anmutender Raum, der mit Technik des Software-Riesen SAP von Firmen- und Vereinsgründer Dietmar Hopp vollgestopft ist. An der Wand hängt ein sieben Meter langer Bildschirm, der alle relevanten Daten anzeigt. Davor steht ein Konferenztisch mit 16 individuell zu bedienenden Touchscreens, an dem Spieler, Trainer und Entscheider alle relevanten Daten rund um den Verein abrufen können.

Foto: Simon Hofmann/ SAP

„Wir arbeiten konstant daran, unsere Technologie-Vorreiterolle in der Bundesliga auszubauen. Der SAP Interactive Data Space ist das jüngste Beispiel unserer Strategie, auf neueste Technologien zu setzen, um unsere Leistung zu optimieren“, erklärte TSG-Geschäftsführer Dr. Peter Görlich.

In welcher Ecke landet der nächste Elfer?

Mit dem neuen Datenlabor behaupten die Hoffenheimer ihre Vorreiterrolle bei der Einführung digitaler Fußball-Technologien. Als einer von vier Klubs weltweit setzt die TSG beispielsweise den sogenannten Footbonauten ein. In der „Trainingsbox“ müssen die Spieler eines von 64 Feldern treffen. Kameras und Sensoren messen Reaktionszeit und Passquote. Aus den Ergebnissen leitet der Klub unter anderem ab, ob ein Jugendspieler das Zeug zum Bundesliga-Profi hat.

Auch im Training der TSG zieht Hightech ein. Eine Drohne zeichnet über den Plätzen Spielsituationen auf, die auf der 40 Quadratmeter großen LED-Wand direkt mit den Spielern ausgewertet werden können. Die Daten-Auswertung geht schon so weit, dass TSG-Torhüter Oliver Baumann dank der Software „Penaltys Insights“ sämtliche möglichen gegnerischen Elfmeterschützen und deren Eigenheiten beim Strafstoß auf sein Smartphone erhält und damit erfährt, wer wo die Elfmeter hinschießt.

Drohnen, Tracking, Analyse-Software

Wozu das Ganze? Im modernen Fußball soll für den Erfolg nichts mehr dem Zufall überlassen werden. Immer mehr Top-Klubs beziehen Big Data, also riesige Datenmengen, in ihre tägliche Arbeit ein, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Was Anfang der Neunziger mit der „ran“-Datenbank für die Bundesliga begann, hat sich mittlerweile zu einem riesigen Markt entwickelt. Wo vor einigen Jahren noch Beobachter Strichlisten über Ballkontakte und Torabschlüsse führten, übernehmen längst Computer diesen Job. Auch der Scout, der von Spiel zu Spiel tingelt, um Stärken und Schwächen der kommenden Gegner zu studieren, scheint bald ein Auslaufmodell.

Heute vermessen Drohnen, Analyse-Software und Tracking-Systeme jeden Millimeter des Spielfeldes. In den Stadien entgehen hunderten Kameras und Sensoren keine Sequenz. Der gläserne Fußballer ist Realität. Beispiele: Ein Fitness Tracker misst Geschwindigkeit und Herzfrequenz der Spieler und erstellt Bewegungsprofile. Das Analyse-Tool „Packing“ misst die Zahl überspielter Verteidiger pro Pass. Und in den Stadien von Manchester City und FC Barcelona werden 360-Grad-Kameras für noch spektakulärere Fernsehbilder installiert.

Apropos Barcelona: Der spanische Spitzenklub nimmt bei der Datenanalyse im Fußball eine Vorreiterrolle ein. Vor zwei Jahren eröffneten die Katalanen ihr Technikzentrum. Das Barca Innovation Hub soll Universitäten, Start-ups und Investoren zusammenführen. Die zentrale Frage lautet, wie die gesammelten Daten genutzt werden können, um das Spiel zu verbessern. Auch Lösungen für angrenzende Bereiche des Fußballs wie Sponsoring, Infrastruktur oder Fans sind gefragt. „Ziel ist es, eine weltweite Wissensplattform für den Spitzensport zu entwickeln“, so der Leiter des Barca Innovation Hubs, Albert Mundet.

Noch ist der Fußball zu komplex

Auch in England steht die Zeit in Sachen Big Data nicht still. Der FC Arsenal betreibt ein Innovation Lab und kaufte mit der US-Firma StatDNA gleich seinen eigenen Analyseanbieter auf. Beim dänischen Champions-League-Teilnehmer FC Midtjylland setzt der Engländer Matthew Benham, ein studierte Physiker und Inhaber der Londoner Wettfirma Smartodds, auf Big Data und bezieht diese etwa bei der Suche nach potenziellen Neuzugängen mit ein. Und die Frankfurter Eintracht versucht, ähnlich wie der FC Barcelona, mit der hiesigen Startup-Szene bei Themen wie Spielanalyse, Stadion-Erlebnis, Medizin und Scouting zusammen zu arbeiten.

Noch steckt die Datenanalyse im Fußball in den Kinderschuhen und kann die Komplexität des Spiels nicht in der Gänze erfassen. Hoffenheim-Trainer Julian Nagelsmann gibt zu, dass der vorliegende Datenbestand einem „Trainer noch nicht so viel bringt“. Vor allem im taktischen Bereich gäbe es noch reichlich Potenzial. „Wenn es gelänge, derlei Daten zu erheben, „freue ich mich extrem auf diesen Tag X“, sagte der Fußball-Lehrer in der Frankfurter Rundschau.