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Darum wandern unsere Top-Talente ins Ausland ab

Immer mehr junge deutsche Spieler sehen in England, Holland und Österreich bessere Entwicklungschancen.

Als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) kürzlich seine größten Talente des Jahres mit der Fritz-Walter-Medaille ehrte, war die Verwunderung groß. Einige der ausgezeichneten Spieler hatten Experten gar nicht auf dem Zettel, weil sie nicht bei Bundesligisten unter Vertrag stehen, sondern von ausländischen Top-Klubs ausgebildet werden. Was läuft da in der deutschen Nachwuchsförderung schief?

Zu den Top-Talenten, die im Vorfeld des Länderspiels gegen die Niederlande ausgezeichnet wurden, gehören Nicolas Kühn von Ajax Amsterdam (U 19) und Karim Adeyemi vom FC Liefering (U 17).

Kühn wechselte Anfang 2018 ausgerechnet von der hoch gelobten Talente-Schmiede von RB Leipzig zum holländischen Spitzenklub und musste sich dort erstmal in der 2. Mannschaft beweisen. „In Leipzig hatte ich nicht das Gefühl, dass die Spielidee zu meiner Art von Fußball passt und auch, dass ich oben direkt eine Chance bekommen werde“, sagte der Youngster der Zeit.

Mit den Legenden am Mittagstisch

Sein Vater Yvo Kühn, ein Psychotherapeut, sieht die Nachwuchsförderung in unserem Nachbarland derzeit auf einem besseren Weg. „Bei Ajax wird anders kommuniziert, als ich es aus Deutschland kenne: entspannt, immer aufs Miteinander bezogen und nie menschenverachtend.

Und weiter: „Es gibt einen Schulkomplex, wo die Spieler freiwillig lernen können: Sprachen, Marketing oder Mediales, da mischen sich die Spieler aus der ersten und der zweiten Mannschaft. In der Cafeteria treffen sie Legenden wie Marc Overmars oder Edwin van der Sar und am Wochenende gesellen sich Familien dazu“, so Kühn senior in der Zeit.

16-Jähriger wechselte für 3 Mio. nach Salzburg

Karim Adeyemi, der aus der Jugend des FC Bayern stammt und bei der Spielvereinigung Unterhaching zum Top-Talent heranreifte, entschied sich ebenfalls für einen Wechsel ins Ausland – an die Fußballakademie von RB Salzburg. Für den damals 16-Jährigen sollen die Österreicher die Rekordablöse von drei Millionen Euro gezahlt haben. Derzeit ist der Jung-Stürmer an Zweitliga-Klub FC Liefering ausgeliehen, um mehr Spielpraxis zu erlangen.

Auch Paul Glatzel will es irgendwann nach ganz oben schaffen. Der 18-Jährige, der als Sohn deutscher Eltern in England geboren wurde, durchlief die Nachwuchsschule des FC Liverpool und durfte schon mehrfach bei den Profis unter Trainer Jürgen Klopp mittrainieren.

„Der ganze Verein ist wie eine große Familie. Alle arbeiten für die Ziele zusammen. Und als Jürgen Klopp 2015 zu uns kam, hat er noch mal in jedem Bereich die Intensität erhöht, vor allem auf dem Feld“, sagte der Youngster, der jedoch zuletzt durch einen Kreuzbandriss zurückgeworfen wurde.

Beim DFB beobachtet man die Entwicklung abwandernder Talente genau und will gegensteuern. „Wir haben bewusst Spieler nominiert, deren Fähigkeiten in Deutschland zuletzt stark vermisst wurden und die in dieser Ausprägung nur selten zu finden sind“, sagte der Cheftrainer der deutschen U-Nationalmannschaften, Meikel Schönweitz.

Künftig will der Verband bei der Ausbildung seiner Talente mehr Wert auf Kreativität, Individualismus und Durchsetzungsvermögen legen. Ein Umdenkprozess, der Jahre dauern wird und bei dem sicher auch die Bundesliga-Klubs gefragt sind. „Wir haben festgestellt, dass zuletzt zu viele gleichförmige Spieler oben angekommen sind“, sagt der Akademieleiter Tobias Haupt dem Sportinformationsdienst (SID). Er suche inzwischen Führungspersönlichkeiten auf dem Rasen. „Das kann auch ein 20-Jähriger sein, der die Ärmel hochkrempelt.“ Eben einer wie Nicolas Kühn...

Titelbild: ©Gettyimages