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Das Fußball-Märchen des Wesley Moraes

Vom Fabrikarbeiter aus Brasilien zum Fußballprofi in England

Er ist erst 22, hat aber schon ein bewegendes Leben hinter sich: Wesley Moraes gab kürzlich für Aston Villa sein Premier-League-Debüt. Der brasilianische Stürmer wechselte im Sommer für 25 Millionen Euro vom belgischen Meister FC Brügge auf die Insel und war damit der teuerste Einkauf in der Vereinsgeschichte der „Villans“.

„Als meine Mutter hörte, dass ich in England spielen werde, war sie sehr glücklich, genau wie meine ganze Familie. Ich hoffe, ich kann die Erwartungen auf dem Platz erfüllen und für Aston Villa viele Tor schießen“, sagte der Neuzugang im klubeigenen TV-Kanal.

Mit 16 schon zweifacher Vater

Trotz der hohen Transfersumme ist bislang wenig bekannt von Wesley Moraes Ferreira da Silva, wie der Brasilianer mit vollem Namen heißt. Kein Wunder, durchlief doch der robuste Angreifer nie ein Jugend-Internat, stand nie für einen Top-Klub unter Vertrag und war lange Zeit von einer Laufbahn als Fußball-Profi weit entfernt.

Wesley stammt aus Juiz de Fora, einer 500.000-Einwohner-Stadt im Südosten Brasiliens. Als er neun Jahre alt ist, stirbt sein Vater an den Folgen eines Hirntumors. Um die Familie zu ernähren, arbeitet er in einer Fabrik und sortiert Bolzen und Schrauben.

Auch körperlich scheint er keine idealen Voraussetzungen für einen Fußballprofi mitzubringen. Ein Bein ist drei Zentimeter kürzer als das andere, deshalb läuft er immer etwas gebückt. Zudem wird Wesley bereits mit 15 zum ersten Mal Vater und muss für Sohn Yan Verantwortung übernehmen. Ein Jahr darauf kommt seine Tochter Maria zur Welt. Beide Kinder sind von zwei verschiedenen Müttern.

Trotzdem gibt der Junge seinen Traum vom Fußballprofi nicht auf. Bis er 14 Jahre alt ist, spielt er in der Halle Futsal, ehe er beim Klub Itabuna Esporte Clube zum richtigen Fußballer ausgebildet wird. Er wagt den Sprung nach Europa und stellt sich bei verschiedenen Vereinen vor. Mal trainiert er für ein paar Monate in der Jugend von Atlético Madrid, dann versucht er es bei den französischen Vereinen Nancy und Evian. Ohne Aussicht auf einen Vertrag. Wesley kehrt nach Brasilien zurück und arbeitet wieder in der Fabrik – für nicht einmal 200 Euro im Monat.

Slowakei wird zum Sprungbrett

Parallel spielt Wesley weiter Fußball und schickt Best-of-Videos nach Europa. Vor vier Jahren wird der slowakische Erstligist AS Trencin auf den 1,91-Meter großen Brasilianer aufmerksam. Er absolviert ein einmonatiges Probetraining und unterschreibt endlich seinen ersten Profivertrag. „Mit seiner Physis ist er ein interessanter Spieler für uns. Wir glauben, dass er großes Potenzial besitzt“, sagte Trencins Vorstandschef Robert Rybnicek, der Wesley vom Mittelfeldspieler zum Stürmer umschulen lässt. In seiner ersten Saison erzielt der Angreifer in 28 Spielen zehn Tore (fünf Vorlagen) und trifft in der Champions-League-Quali doppelt.

Längst sind auch die Scouts größerer Vereine auf den jungen Brasilianer aufmerksam geworden. Schon im Winter 2016 sichert sich der belgische Top-Klub FC Brügge für 1 Million Euro die Dienste des Angreifers. „Wir hatten ein klares Bild des Spielers, bevor wir ihn verpflichteten. Es gab ein langes Gespräch mit einem Psychologen auf der einen Seite, und mit uns, den Leuten des Klubs auf der anderen Seite, über die sozialen Aspekte“, sagte Brügges Teammanager Dévy Rigaux dem Guardian. „Während dieser Gespräche spürten wir, dass er ein Junge mit einem sehr guten und großen Herzen ist, mit wirklich guten Werten im Leben, die in unserem Umfeld notwendig waren, um der richtige Fußballspieler zu werden.“

Abseits des Platzes ist Wesley zunächst alles andere als ein Musterprofi. Er ernährt sich ungesund und besucht häufig Partys. Ein Mitarbeiter des Klubs muss mit ihm sogar einkaufen gehen. „Wenn du in einem frühen Alter zuerst den Vater verlierst und mit 15 Jahren selbst Vater wirst, dann hat das Auswirkungen. Seine Kinder blieben in Brasilien, was für ihn ziemlich schwierig war. Wir mussten eine Beziehung zu ihm aufbauen, in der man nach und nach mehr über die Familie spricht“, erklärte Rigaux.

„Solche Spieler und Teams kannte ich bislang nur aus Videospielen.“

Auch sportlich lernt der Stürmer dazu, verbessert sein Kopfballspiel und verhält sich cleverer in den Zweikämpfen. Mit Erfolg: Nach der ersten Saison, in der er nur sechs Partien absolviert, kann er in den folgenden Jahren seine Einsatz- und Torbilanz steigern. In der Spielzeit 2018/19 erzielt der Stürmer schon 17 Treffer (bei 10 Vorlagen) und trifft sogar in der Champions League gegen den AS Monaco.

In diesem Sommer macht er den nächsten großen Karriereschritt auf die Insel, in die Premier League, wo er mit Aston Villa auf Weltklasse-Klubs wie Manchester City, den FC Chelsea und FC Liverpool trifft. Für Wesley, dessen Marktwert auf 20 Millionen Euro explodiert ist, muss sich das alles wie ein Traum anfühlen.

Er sagt: „Es ist eine große Ehre, gegen die großen Teams zu spielen. Und das als Jemand, der sonst nur in Videospielen auf solche Spieler traf.“ Und wer weiß, vielleicht erfüllt sich für Wesley Moraes bald der nächste Traum und er läuft für die brasilianische Nationalmannschaft auf…

Titelbild: ©Gettyimages